21.12.2017

Befristungsschwemme greift rasant um sich

Irgendwo steckt da ein Widerspruch: einerseits sollen Arbeitssuchende sich die Jobs aussuchen können, Stichwort Fachkräftemangel. Andererseits müssen immer mehr sich mit befristeten Jobs zufrieden geben. In 20 Jahren ist deren Zahl um eine Million angewachsen.

Befristete Jobs Betriebsrat

Ausländer, jüngere und Menschen ohne Berufsabschluss

Geschäftsführung Betriebsrat. Eine mögliche Antwort: vor allem Ausländer, jüngere Menschen und solche ohne Berufsabschluss sind betroffen – aber auch Akademiker. Befristungen haben längerfristig immer mehr zugenommen. Die Zahl der befristet Beschäftigten in Deutschland hat innerhalb der vergangenen 20 Jahre um mehr als eine Million auf rund 2,8 Millionen im vergangenen Jahr zugenommen. Das berichtet die „Welt“ und bezieht sich dabei auf eine Antwort des Statistischen Bundesamtes auf eine Anfrage der Linken im Bundestag.

Anteil der befristet Beschäftigten gestiegen

2015 waren demnach rund 2,7 Millionen Arbeitnehmer befristet beschäftigt. Berücksichtigt wurden alle abhängig Beschäftigten ab 25 Jahren, jüngere Arbeitnehmer im Übergang von Schule oder Hochschule zum Arbeitsmarkt nicht. Der Anteil der befristet Beschäftigten an allen abhängig Beschäftigten stieg seit 1996 von 6,4 auf 8,5 Prozent. Der Anteil wuchs mit leichten Schwankungen bis 2006 auf 8,4 Prozent und schwankte seither zwischen 8,2 und 8,9 Prozent. Besonders oft seien 25- bis 34-Jährige befristet beschäftigt. Hier stieg der Anteil von 9,6 Prozent vor 20 Jahren über 16,6 Prozent 2006 bis 18,1 Prozent im vergangenen Jahr.

Unfreiwillig befristet

Mehr als jeder dritte Betroffene arbeitet unfreiwillig befristet. Darauf wies dem Bericht zufolge das Statistische Bundesamt bereits im September hin. 36,5 Prozent gaben damals über alle Altersgruppen hinweg an, mangels Dauerstelle ein befristetes Arbeitsverhältnis eingegangen zu sein. 31,6 Prozent nannten einen Probevertrag als Grund. 25,7 Prozent befanden sich in Ausbildung. 6,2 Prozent hatten bewusst die Befristung gewählt.

Bei den Hilfskräften war der Anteil unfreiwillig Befristeter mit 50,4 Prozent zuletzt am höchsten. Die Zeitung zitiert den Berliner Sozialforscher Stefan Stuth. Er hat in einer Studie festgestellt, dass Unternehmen knappe Arbeitskräfte eher mit dauerhaften Verträgen binden. In Berufen mit hohem Reservoir an Arbeitskräften werde eher befristet beschäftigt. Befristet Beschäftigte verdienen deutlich weniger als Arbeitnehmer mit unbefristetem Vertrag. Laut einer Studie des gewerkschaftsnahe Forschungsinstituts WSI sind 2015 15,5 Prozent der befristet Beschäftigten zwischen 20 und 34 wegen eines Haushaltseinkommens unter 60 Prozent des Durchschnitts von Armut bedroht gewesen – aber nur 7,5 Prozent derjenigen mit Dauervertrag.

Stellenwechsel erschweren Familiengründung

Häufige Stellenwechsel, teils verbunden mit Ortswechseln, würden stabile Partnerschaften und Familiengründung erschweren, so das WSI. Betroffen seien besonders Menschen ohne Berufsausbildung sowie Uni-Absolventen, seltener dagegen Absolventen einer dualen Berufsausbildung oder einer Fachhochschule. Auch Ausländer seien überdurchschnittlich oft befristet angestellt.

Zimmermann: Stoppt den „Befristungsirrsinn“

Gestellt hatte die Anfrage die Linke-Politikerin Sabine Zimmermann. Sie forderte einen Stopp des „Befristungsirrsinns“. Gerade bei jüngeren Menschen sorgten Befristungen dafür, dass sie elementare Dinge des Lebens nicht planen könnten, wie etwa eine Familiengründung. Zimmermann: „Befristungen sind zudem grundsätzlich ein Instrument zur Disziplinierung der Beschäftigten und zur Spaltung der Belegschaft.“

Betriebliche Notwendigkeiten

Die Arbeitgeber verteidigen befristete Beschäftigung, Teilzeit oder Zeitarbeit als Möglichkeit, das Arbeitsvolumen an betriebliche Notwendigkeiten anzupassen. Reguläre Jobs würden nicht verdrängt, die Schaffung neuer Jobs eher erleichtert. Den Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands BDA, Steffen Kampeter, zitiert das Blatt demgegenüber dahingehend, der Anteil der Befristungen sei seit mehr als einem Jahrzehnt nahezu konstant und insgesamt unter neun Prozent geblieben. Zudem erhielten Kampeter zufolge mehr als zwei Drittel der befristet Beschäftigten eine Anschlussbeschäftigung. Das unterstreiche, wie wichtig das Instrument als Beschäftigungsmotor sei.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist Journalist und Autor des Werkes Wirtschaftswissen für den Betriebsrat.)