25.11.2016

Bahn-Betriebsrat fordert Sicherheitskonzept

Unpünktlichkeit, kaputte Klimaanlagen, marode Strecken: die Bahn AG hat einen schweren Stand. Doch rechtfertigt das Übergriffe von Fahrgästen auf Fahrkartenkontrolleure? Die häufen sich in Regionalbahnen. Betriebsräte und Gewerkschafter schlagen Alarm. Sie fordern ein Sicherheitskonzept.

Attacken auf Bahn-Kontrolleure

Randalierer attackiert Bahnmitarbeiterin

Geschäftsführung Betriebsrat. Saarbrücken Hauptbahnhof, 9. November 2016, 7.38 Uhr: auf Gleis 12 senkt ein Randalierer einer Bahnmitarbeiterin mit einem Feuerzeug von hinten die Haare an.

Einen Tag später, am 10. November, gegen 20 Uhr, will ein junger Mann einen Fahrkartenkontrolleur aus einer Regionalbahn Richtung Lebach mit einer Bierflasche angreifen. Es gelingt gerade noch, den Angriff abzuwehren. Der Randalierer wird des Zuges verwiesen.

Kurz darauf: der Zug fährt zurück nach Saarbrücken. Der Mann steigt wieder ein. Diesmal hat er mehr Erfolg: ohne Vorwarnung schlägt er dem Bahn-Mitarbeiter brutal ins Gesicht.

Notizen aus der Regionalbahn

Einzelfälle? Nicht, wenn die kurzen Notizen in den „elektronischen Zugberichten“ für den Bereich der Deutschen Bahn, Regio Südwest, zutreffen, über die die „Saarbrücker Zeitung“ berichtet. Das Blatt zitiert weiter aus den Protokollen:

  • „Ohne Vorwarnung von einem Reisenden körperlich attackiert“, schreibt im Oktober ein Zugbegleiter, unterwegs von Saarbrücken nach Kaiserslautern.
  • „Gewalttätiger Schwarzfahrer“, berichtet einen Tag später ein Kollege, Tatort diesmal: Bahnhof Scheidt.

100 Vorfälle pro Monat

Dem Bericht zufolge häufen sich Vorfälle dieser Art in Regionalbahnen und Regionalexpress-Zügen. Sie sind alarmierend. Etwa 100 solcher Vorfälle pro Monat zählen im Nahverkehr zwischen Mannheim, Kaiserslautern, Saarbrücken, Trier und Koblenz Ralf Damde, Betriebsratsvorsitzender der DB Regio Südwest und Chef der Eisenbahner-Verkehrsgewerkschaft (EVG), und sein Stellvertreter im Betriebsratsvorsitz Thomas Beltz.

Bespuckt, geschlagen, getreten

„Die Übergriffe häufen sich in Zügen im Saarland. Unsere Kolleginnen und Kollegen werden bespuckt, geschlagen, getreten, genötigt, bedroht und beleidigt“, zitiert sie die Zeitung. Bei den Betroffenen wüchsen Angst, Unsicherheit und Resignation. Das Schlimmste: die Lage ändere sich nicht.

Zugbegleiter auf sich alleine gestellt

Zugbegleiter und Kundenbetreuer, die Fahrausweise kontrollieren, seien in diesen Zügen meist auf sich alleine gestellt. Damde und Beltz sprechen von so genannten „Problemzügen“. Sie meinen damit etwa von Fußballfans zu Spielen in der Region genutzte Bahnverbindungen und Züge am frühen Morgen. In diesen reisten oft berauschte und verkaterte Discogänger am Wochenende heim.

Züge mit Bundespolizei werden gemieden

Demgegenüber würden Fußball-Sonderzüge mit Bundespolizei an Bord von Randalierern gemieden. Gewaltbereite Fans nutzten die regulären Bahnen. Dort könnten sie weitgehend ungestört Krawall machen oder Fahrgäste anpöbeln. Damde und seine Kollegen schlagen Alarm. Es gehe um Gefahr für Leib und Leben der Mitarbeiter, um die Gesundheit des eingesetzten Zugpersonals. Betriebsrat und Gewerkschaft fordern von Andreas Schilling, Chef der DB Regio Südwest, kurzfristig ein Sicherheitskonzept für Problemzüge.

Fahrkartenverkauf in Zügen

Sicherheitsmitarbeiter oder Bundespolizei müssten zusätzlich an Bord gehen. Zudem sollte das Personal in Zügen wieder Fahrkarten verkaufen dürfen. Oft eskaliere die Lage erst, wenn der Reisende im Zug ein Ticket kaufen will, stattdessen aber 60 Euro als Schwarzfahrer bezahlen soll.

Ultimatum an Bahn

Schon in den nächsten Tagen wollen die Betriebsräte Schilling ein Ultimatum stellen. Vier Wochen wollen die Bahn-Gewerkschafter dann abwarten. Geschieht bis dahin weiterhin nichts, will man die Zustimmung zu Schicht- und Dienstplänen verweigern. Das Betriebsverfassungsgesetz gibt dem Betriebsrat Mitbestimmungsrecht bei Beginn und Ende der Arbeitszeit und beim Gesundheitsschutz.

Notbremse des Betriebsrates

Die Notbremse des Betriebsrates bliebe nicht ohne Konsequenz. Züge müssten ausfallen, Bahnkunden sich anderweitig nach Transportmöglichkeiten umsehen. Die Bahn wollte sich auf konkrete Fragen der Zeitung zu diesem Thema nicht äußern.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)