01.12.2017

Audi-Betriebsräte entwickeln Digitalisierungskonzept

Das Kaninchen blickt auf die Schlange – wie die Beschäftigten auf die Digitalisierung? Nicht so in Ingolstadt. Die Stadt steht und fällt mit einer Marke: Audi. Ersteres soll so bleiben. Das sagen sich die Betriebsräte des Autobauers. Zusammen mit IG Metall werkeln sie an der „Vision 2030“.

Audi-Betriebsräte Digitalisierung

Audi-Betriebsräte stellen sich der Digitalisierung

Geschäftsführung Betriebsrat. Eines ist für die Betriebsräte sicher: die Digitalisierung kommt. Sicher ist für sie allerdings auch: bei Audi in Ingolstadt wird man sich ihr stellen. Arbeitnehmervertreter stehen bei manchem im Verdacht, immer nur Nein zu sagen. Die bei Audi in Ingolstadt tun das Gegenteil. „Es wäre eine Illusion, die Digitalisierung aufhalten zu wollen“, sagt Peter Mosch, Betriebsratsvorsitzender bei Audi. „Es wäre aber auch eine Katastrophe, wenn wir uns von ihr überrollen lassen.“ Gemeinsam mit der IG Metall werkeln sie an einer „Vision Ingolstadt 2030“.

Homo Digitalis

Die „Süddeutsche Zeitung“ begleitet in Kooperation mit „Bayerischem Rundfunk“, „Arte“ und „ORF“ in der Reihe „Homo Digitalis“ – der digitale Mensch –, wie man bei Audi verhindern will, dass Roboter den Menschen die Jobs wegnehmen. Im Vordergrund stehen Fragen wie: Was könnten die Jobs der Zukunft sein, was die Produkte? Die Arbeitnehmervertreter von Audi laden Fachleute von Unis und Fraunhofer-Instituten ein, um Antworten zu finden. Kürzlich kam sogar Bundesarbeitsministerin Katarina Barley zu einem Kongress. Weil die Sorgen der Audianer die Sorgen vieler deutscher Arbeitnehmer sind, hat es exemplarische Bedeutung, was sie hier machen.

Roboter und Computer

Eine Million Menschen arbeiten in der deutschen Autobranche. Viele dieser Jobs stehen auf dem Spiel. Das Problem sind nicht US-E-Autohersteller Tesla oder der Dieselskandal, sondern Roboter. Die Ökonomen Michael Osborne und Carl B. Frey werden zitiert. Sie sagen in einer Studie voraus, Computer und Roboter könnten in den Industriestaaten jeden zweiten Arbeitsplatz ersetzen. Bei Audi wollen Betriebsräte und Manager gemeinsam verhindern, dass menschliche Mitarbeiter durch Maschinen ersetzt werden.

Eine Million Jobs in der Autobranche

Bisher raubt die Digitalisierung bei Audi keine Jobs, zitiert der Bericht einen Betriebsrat. Geschockt sei man durch Osborne/Frey aber schon. Digitalisierung, eine Gefahr, die die Audianer genauso angeht wie andere Autowerker wie übrigens auch alle deutschen Arbeitnehmer. Für die eine Million Jobs in der Autobranche ist es aber nicht die einzige Bedrohung. Elektrofahrzeuge könnten nach und nach Benzin- und Diesel-Pkw ersetzen. Für ihre Herstellung benötigt man weniger Personal. E-Autos laufen gleich bei Tesla vom Band statt in Ingolstadt. Das große Geld verdienen Internetkonzerne mit Mobilitätslösungen, Autohersteller werden nur noch Zulieferer. „Wird davon etwas wahr oder gleich alles zusammen, verschwinden massenhaft Jobs“, schreibt SZ-Autor Alexander Hagelüken. Ingolstadt ohne Audi, zumindest großer Teile davon.

Halbierung der Einwohnerzahl?

Die Betriebsräte von Audi in Ingolstadt treffen sich, weil sie ihre Welt bedroht sehen. Sie befürchten eine Halbierung der Einwohnerzahl. „Wir können nicht sagen“, so Mosch, „was in zehn oder 15 Jahren genau auf uns zukommt.“ Aber was immer es sein wird, der 45-Jährige will es gestalten. Kollegen fragen, wann die Digitalisierung kommt. Redet er, erkennen sie: Sie stecken mittendrin. Orange Roboter mit Schwingarmen da, wo früher Menschen waren. Verloren einzelne Menschen in Riesenhallen. Sie treiben Logistik, Wartung, kontrollieren die orangen Riesen. Der Karosseriebau ist zu 98 Prozent automatisiert, so die SZ.

Teams bilden

Technisch könnte der Roboter den Job weitgehend alleine erledigen. Als Vollzeitkraft braucht Audi hier keinen Menschen mehr. Die Manager würden am liebsten nur noch Roboter einsetzen. Doch der Betriebsrat drängt darauf, dass menschliche Teams gebildet werden. Diese Kooperation ist einer der Pfeiler ihrer Vision „Ingolstadt 2030“. Die Arbeitnehmer sollen dabei neue Qualifikationen lernen, etwa das Reparieren.

Schlüsselfrage Qualifizierung

Für Arbeitnehmer ist die Schlüsselfrage die nach der Qualifizierung, glaubt Betriebsratschef Mosch. Sich auf neue Tätigkeiten vorbereiten. Die Betriebsräte analysieren die Prozesse. Sie wollen herausfinden, wo Jobs wegfallen. Sie entwickeln Ideen. Audi bietet Ingenieuren ein Kurzstudium für Elektroautos. Dergleichen wollen die Betriebsräte auch für andere Arbeitnehmer. Sie schlagen eine interne Jobagentur vor. Sie soll Mitarbeitern rechtzeitig helfen, sich für neue Aufgaben zu qualifizieren und neue Aufgaben zu bekommen. Beim Vorstand klingt das ganz ähnlich.

Kooperation von Mensch und Roboter

Audi nennt die Kooperation von Mensch und Roboter „beispielgebend“. Der Mensch bleibe der Ursprung von Kreativität, zitiert der Bericht Produktionsvorstand Peter Kössler: „Bei allem Wandel wird deshalb auch in Zukunft der Mensch im Mittelpunkt stehen.“ Die Audi-Spitze erklärt es für besonders wichtig, dass keine Arbeitsplätze verloren gehen. Was die Betriebsräte gerne schriftlich hätten – durch eine Verlängerung der bisherigen Jobgarantie für die Mitarbeiter bis 2025. Ob das Audi-Management ihnen soweit entgegenkommt? Der Bericht lässt diese Frage offen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)