News | Geschäftsführung Betriebsrat 14.07.2017

Arm trotz Arbeit: Erwerbsarmut seit 2004 verdoppelt

Sie arbeiten regelmäßig, sie leben in Deutschland – und doch kommen sie mit dem Einkommen nicht über die Runden. Die Statistiker haben dafür einen Begriff: Erwerbsarmut. Deutschland verzeichnet hier seit 2004 den höchsten Zuwachs – trotz stärkstem Anstieg der Beschäftigung.

Erwerbsarmut

Working poor auf dem Vormarsch

Geschäftsführung Betriebsrat. Immer mehr Menschen in Europa sind arm, obwohl sie arbeiten. Am stärksten stieg die sogenannte Erwerbsarmut in den vergangenen Jahren in Deutschland: Zwischen 2004 und 2014 hat sich der Anteil der „working poor“ an allen Erwerbstätigen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren verdoppelt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Auswirkung arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Maßnahmen

Die Wissenschaftler Dr. Dorothee Spannagel, Dr. Daniel Seikel, Dr. Karin Schulze Buschoff und Helge Baumann haben darin untersucht, wie sich arbeitsmarkt- und sozialpolitische Maßnahmen, die Menschen schneller in Jobs bringen sollen, auf die Erwerbsarmut in 18 EU-Ländern ausgewirkt haben. Datengrundlagen sind die neuesten verfügbaren Zahlen aus der Europäischen Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC) und eine OECD-Datenbank.

Arbeitslose stärker unter Druck

Die Forscher führen das Ergebnis der Studie u.a. darauf zurück, dass Arbeitslose stärker unter Druck stehen, eine schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen. Der Anteil der armen oder armutsgefährdeten Erwerbstätigen in der EU betrug der Studie zufolge im Jahr 2014 rund zehn Prozent – gemessen nach den gängigen EU-Statistikstandards an der erwerbstätigen Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahren. Obwohl sie regelmäßig arbeiten, müssten diese Menschen mit weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens in ihrem Land auskommen.

Rumänien Spitzenreiter Erwerbsarmut, Finnland Schlusslicht

Am höchsten war der Anteil in Rumänien mit 18,6 Prozent, gefolgt von Griechenland mit 13,4 Prozent und Spanien mit 13,2 Prozent. Mit 4,5 Prozent oder weniger hatten Belgien, die Tschechische Republik und Finnland die geringsten Erwerbsarmutsquoten. Deutschland lag mit 9,6 Prozent genau im Durchschnitt der EU-Länder. Hier sei aber besonders bemerkenswert, dass einerseits die Beschäftigungsrate zwischen 2004 und 2014 stärker als in jedem anderen europäischen Land stieg, andererseits Deutschland aber den höchsten Zuwachs an Erwerbsarmut verzeichnete – trotz eines kleinen Rückgangs von 2013 auf 2014.

Beschäftigungswachstum und Armut

Offensichtlich sei der Zusammenhang zwischen Beschäftigungswachstum und Armut komplizierter als gemeinhin angenommen, vermuten die Wissenschaftler. Mehr Arbeit sei keine Garantie für weniger Armut – zumindest dann nicht, wenn die neuen Jobs niedrig entlohnt werden oder nur einen geringen Umfang haben. Die positive Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt beruhe zu einem großen Teil auf einer Zunahme atypischer Beschäftigung, vor allem Teilzeit, häufig im Dienstleistungsbereich und im Niedriglohnsektor. Die Ausweitung des Niedriglohnsektors sei beschleunigt worden durch:

  • weitgehende Deregulierungen des Arbeitsmarktes,
  • Kürzung von Transferleistungen und
  • verschärfte Zumutbarkeitsregelungen.

Der Druck auf Arbeitslose sei gestiegen, möglichst schnell eine Arbeit zu finden. „Maßnahmen, die Arbeitslose dazu zwingen, Jobs mit schlechter Bezahlung oder niedrigem Stundenumfang anzunehmen, können dazu führen, dass die Erwerbsarmut steigt, weil aus arbeitslosen armen Haushalten erwerbstätige arme Haushalte werden“, schreiben die Wissenschaftler.

Fördern und Fordern 

Die Anfänge dieser sogenannten Aktivierungspolitik, in Deutschland bekannt unter dem Stichwort „Fördern und Fordern“, reichen zurück in die 1990er-Jahre. Eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland fand auch in anderen europäischen Ländern statt, wenn auch zunächst nicht so tiefgreifend. Im Zeitraum zwischen 2004 bis 2014 ist es nur in Polen gelungen, die Beschäftigung zu erhöhen und gleichzeitig die Erwerbsarmut zu senken. In Österreich und der Tschechischen Republik gab es ähnlich wie in Deutschland einen vergleichsweise starken Beschäftigungsanstieg, allerdings hier nur geringfügig mehr armutsgefährdete Erwerbstätige.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)