News | Mitbestimmung
31.08.2015

Arbeitszeitflexibilität: Weitere Deregulierung schädlich?

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat erst kürzlich die Diskussion um den Acht-Stunden-Tag eröffnet. Die Arbeitgeber fordern Umstellung auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit. Jetzt bekommen sie Gegenwind von Seiten der Wissenschaft. Eine Untersuchung des WSI-Tarifarchivs der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: noch mehr Flexibilisierung würde bestehende Probleme weiter verschärfen.

© liza5450 /​ fotolia.com

Gestaltungsspielräume nutzen

Mitbestimmung. Keine Aufweichung von Schutzregelungen, sondern kluge Nutzung der bestehenden Gestaltungsspielräume – auf diese Formel lässt sich die Forderung von Dr. Reinhard Bispinck, Leiter des WSI-Tarifarchivs, bringen. Er belegt ihre Berechtigung mit den Ergebnissen einer jüngst von seinem Institut durchgeführten Analyse der tariflichen Arbeitszeitbestimmungen. Danach besteht bereits ein kaum noch zu steigerndes Maß an flexiblen Anpassungsmöglichkeiten an betriebliche Produktions- und Arbeitserfordernisse – und zwar quer über alle Wirtschaftszweige hinweg.

Debatte über Arbeitszeitpolitik überfällig

„Es ist höchste Zeit für eine gesellschaftliche Debatte über eine Arbeitszeitpolitik, die sich an den wechselnden Interessen der Beschäftigten im Lebensverlauf orientiert. Dabei spielt auch eine weitere Arbeitszeitverkürzung eine wichtige Rolle“, so der Tarifexperte in einer jetzt von der Hans-Böckler-Stiftung in Köln verbreiteten Mitteilung an die Presse.

Arbeitszeitflexibilität: Diese Möglichkeiten gibt es

Die bestehenden tariflichen Regelungen zur Arbeitszeitgestaltung bieten Bispinck zufolge eine Fülle an Möglichkeiten der flexiblen Arbeitszeitgestaltung wie:

  • dauerhafte Verlängerung der regelmäßigen Arbeitszeit für bestimmte Beschäftigtengruppen,
  • befristete Verkürzung der regelmäßigen Arbeitszeit,
  • dauerhafte Festlegung der regelmäßigen Arbeitszeit für einzelne Beschäftigtengruppen oder ganze Belegschaften im Rahmen eines vorgegebenen tariflichen Arbeitszeitkorridors oberhalb und unterhalb der tariflichen regelmäßigen Arbeitszeit,
  • tariflich festgelegte saisonal unterschiedliche Arbeitszeit,
  • unregelmäßige Verteilung der tariflichen Regelarbeitszeit, die in einem bestimmten Zeitraum durchschnittlich erreicht werden muss,
  • das zulässige Überschreiten der Regelarbeitszeit durch Mehrarbeit.

 

Kombination von Grundmodellen

Diese Grundmodelle ließen sich miteinander kombinieren. So bestehe nahezu in allen Tarifbereichen, unabhängig von weiteren Flexi-Bestimmungen, die Möglichkeit der unregelmäßigen Verteilung der tariflichen Regelarbeitszeit.

Arbeitszeit ungleichmäßig verteilen

In vielen Tarifbereichen kann nach der WSI-Analyse die regelmäßige Arbeitszeit ungleichmäßig verteilt werden. Die dafür vorgesehenen Ausgleichszeiträume und zulässigen Bandbreiten seien teilweise erheblich ausgeweitet. In einer Reihe von Branchen bestünden tarifliche Arbeitszeitkorridore. In diesen könne die Arbeitszeit dauerhaft verlängert oder verkürzt werden – ohne immer neue Deregulierungsmaßnahmen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)

Produkte und Veranstaltungen

Produktempfehlungen

Aktuelle Veranstaltungen