Interview | Geschäftsführung Betriebsrat
30.06.2016

Arbeitsschutz in digitalen Zeiten

Die Digitalisierung der Arbeitswelt nimmt Einfluss auf Aufgaben und Verantwortungen, die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verwischen. Wie der Betriebsrat damit umgeht und Arbeitnehmer unterstützen kann, schildert der Businesscoach und Technologieberater Mattias Ruchhöft.

Business Team Meeting Connection Digital Technology Concept© Rawpixel.com /​ fotolia.com

Geschäftsführung Betriebsrat.

Mattias Ruchhöft© Mattias Ruchhöft
Mattias Ruchhöft ist Datenschutz– und Technologieberater (dtb) und berät unter anderem Betriebs-und Personalräte sowie Datenschutzbeauftragte bei der Planung und Umsetzung von Technikeinsatz und der Entwicklung von Datenschutzkonzepten.

Gläserne Mitarbeiter

Betriebsrat intern: Herr Ruchhöft, Sie beraten Betriebsräte unter anderem hinsichtlich neuer Herausforderungen in der digitalisierten Welt. Was genau können wir uns darunter vorstellen?

Mattias Ruchhöft: Zum einen können immer mehr Arbeitsprozesse komplett digital abgebildet werden, wie in Servicecentern. Dadurch werden die Arbeitnehmer „gläserner” und haben weniger Spielraum bei Entscheidungen. Durch die mobile Abrufbarkeit aller Informationen wird auch die ständige Erreichbarkeit zum Thema. Zum anderen werden durch Kollaborationsprogramme wie etwa Share Point oder Sametime virtuelle Teams gebildet, wodurch sich Arbeitnehmer und Vorgesetzte zum Teil nicht mehr real begegnen.

Herausforderung Datenschutz

Betriebsrat intern: Was bedeutet das für Betriebsräte?

Mattias Ruchhöft: Für sie birgt die Digitalisierung mehrere Herausforderungen, etwa hinsichtlich Datenschutz oder Regelungen zum Schutz vor Leistungs- und Verhaltenskontrollen in vernetzten Systemen. Maschinen und Geräte, die vernetzt ihren Status funken, machen die Arbeit leichter überwachbar. Das alles ergibt einen höheren Regelungsbedarf. Für meine Beratungsarbeit hat die Digitalisierung insbesondere in internationalen Konzernen mehr Fragen zum Datenschutz sowie Regelungen zur internationalen Zusammenarbeit auf weltweit agierenden Cloud Computing-Plattformen zur Folge.

Betriebsrat intern: Mobile Arbeit bringt neue Anforderungen bezüglich des Datenschutzes mit sich. Worauf müssen Betriebsräte hier achten?

Mattias Ruchhöft: Die technischen Lösungen gewähren einen starken Eingriff auf mobile Geräte und die Möglichkeit, das Verhalten zu überwachen. Gerade bei der Nutzung privater Geräte ist der Datenschutz zu beachten. Ständige Erreichbarkeit wirft die Frage nach Arbeitszeiten und Urlaubsregelungen auf. Der Gesetzgeber hat diese Fragestellung bislang nicht umfassend aufgegriffen – es gibt die Regelungen der Arbeitszeit, des Urlaubs und den Datenschutz. Hier kommt dem Betriebsrat die Aufgabe zu, übergreifend die oben genannten Problemstellungen anzugehen.

Betriebsräte vielfältig gefordert

Betriebsrat intern: Was versteht man unter Digital Working, Crowd Working und Crowd Sourcing?

Mattias Ruchhöft: Digital Working bezieht sich auf die Möglichkeit, Arbeit ortsunabhängig in IT-Systemen abzuwickeln. Crowd Working und Crowd Sourcing beziehen sich auf die Masse der Nutzer im Internet, die über Kollaborationsplattformen oder soziale Netze eingebunden werden können. IBM hat dies mit Liquid Work vor einiger Zeit umgesetzt. Hier müssen sich Entwickler auf einer internen Plattform in Konkurrenz zu anderen Ländern um Aufträge bemühen. Das betrifft Betriebsräte in punkto Arbeitszeit, Schutz vor Leistungs- und Verhaltenskontrolle und Datenschutz. Wird international zusammengearbeitet, gilt es, Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern, wenn das Lohnniveau in anderen Ländern abfällt. Zudem braucht der einzelne Arbeitnehmer Schutz vor Stress, der unter anderem durch den Zwang zu ständiger Erreichbarkeit entstehen kann.

Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen

Betriebsrat intern: Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen – wie können sich Arbeitnehmer schützen?

Mattias Ruchhöft: Aus meiner Sicht geht das nur, wenn in den Unternehmen Leitplanken für die Nutzung mobiler Endgeräte hinsichtlich der Reaktionszeit auf Mails und insbesondere für die Freizeit gesetzt werden. Viele Arbeitnehmer wollen die Freiheit haben, auch dann zu reagieren. Hier entscheiden die Unternehmen letztlich selbst, was sie regeln. Betriebsräte sitzen häufig zwischen den Stühlen. Sie wollen Ansprüche schützen und gleichzeitig die Erwartungen der Arbeitnehmer erfüllen. Hilfestellung für Betriebsräte gibt insbesondere die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz. Hier kann durch entsprechende Verfahren auch die Arbeitssituation von digitalen, mobilen Arbeitern analysiert werden. Dann können Maßnahmen für die Struktur der Arbeit, das Führungsverhalten und entsprechende Qualifikationsangebote entwickelt werden. Zudem gilt es, das Arbeitszeitgesetz mit seinen Ruhezeiten zu beachten. Einige Betriebsräte berichten, dass gerade jüngere Mitarbeiter oft nicht abschätzen können, was es heißt, auf Dauer das eingeschlagene Tempo durchzuhalten. Das ist eine Herausforderung, da nicht alle Arbeitnehmer den Schutzgedanken des Betriebsrats akzeptieren

Betriebsrat intern: Herr Ruchhöft, herzlichen Dank für das Interview!

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Autor: Redaktion Mitbestimmung

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