01.06.2017

Als Betriebsrat auch in Zukunft schlagkräftig

Der Countdown zur Betriebsratswahl läuft. Manche Betriebsräte begnügen sich damit, einfach die Wahl zu organisieren und überlassen es dem neugewählten Gremium, wie es sich aufstellt. Dabei können sie schon vorher wichtige Weichen stellen, weiß Betriebsratsberater Thomas M. Steins.

Betriebsratswahl 2018

Geschäftsführung Betriebsrat.

Betriebsrat intern: Herr Steins, für viele Betriebsratsmitglieder scheinen die Wahlen 2018 noch weit entfernt zu sein. Sehen Sie das auch so?

„Ein Betriebsrat ist kein Geheimrat“. Thomas Steins ist Mitbegründer und Geschäftsführer des CAIDAO Instituts für Betriebsratsberatung mit Sitz in Berlin und Wiesbaden. www.caidao.de

Thomas M. Steins: Keineswegs, zumindest nicht in Betrieben, in denen es durch komplexe Herausforderungen, Changeprozesse oder Umbrüche im Gremium um die Wurst geht. Hier wird regelrecht um die besten Lösungen gerungen werden. Schließlich brauchen Betriebe Betriebsräte, die vielfältig und fachkompetent aufgestellt sind: Alle Betriebsräte sollten das Thema Personalentwicklung im Gremium auf dem Schirm haben. Ich empfehle, dieses mit einer sinnvollen Strategie zu verfolgen, die Vielfalt als Chance für die Betriebsratsarbeit begreift. Dies kann bei Listenwahlen geschehen, indem bestimmte Personen, die das Gremium als Fachexperten sieht oder aufbauen will, aussichtsreich platziert werden. Jüngere Kolleginnen und Kollegen können durch Lösungen wie Tandems bei Ausschuss- und Themenzuständigkeiten aufgebaut werden.

Betriebsrat intern: Betriebsräte sehen sich immer komplexeren Themenstellungen ausgesetzt, Stichworte Automatisierung und Digitalisierung. Müsste da nicht mindestens ein Betriebsratsmitglied aus der IT kommen oder Ingenieur sein?

Thomas M. Steins: Komplexe Themen wie die Gestaltung der digitalen Transformation erfordern in der Tat einen vom fachlichen Hintergrund und Erfahrungsschatz möglichst breit aufgestellten Betriebsrat. Es bedarf jedoch auch neuer Ansätze und Wege der Betriebsratsarbeit. Dazu zählt die Reflektion der Rolle der Arbeitnehmervertretung als Mitgestalter von Changeprozessen, die mit der Belegschaft gestaltet und nicht gegen sie durchgedrückt werden. Kämpft der Betriebsrat also ausschließlich für den Erhalt des Status quo für die heutige Belegschaft oder definiert er Spielregeln und Prinzipien, um auf Augenhöhe mit dem Management Veränderungsprozesse wirtschaftlich nachhaltig und sozial verantwortlich zu gestalten?

Betriebsrat intern: Welche großen Themen kommen in den nächsten Jahren auf Betriebsräte zu?

Thomas M. Steins: Der Megatrend Digitalisierung hat Einfluss auf Wertschöpfungsketten, Geschäftsmodelle und die Gestaltung von Arbeit 4.0. Viele Unternehmen wollen agiler werden, Führungskultur und Systeme verändern. Arbeitgeber wollen heute Angestellte nach Ergebnissen bewerten statt Mehrarbeit beim Betriebsrat zu beantragen und Zuschläge auszubezahlen. Hier entstehen völlig neue Regelungsbaustellen für die Mitbestimmung, die den Schutz der Belegschaft vor Entgrenzung und Überforderung ins Blickfeld rücken. Der Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie die Gefährdungsbeurteilung psychischer Fehlbelastungen gewinnen zunehmend an strategischer Bedeutung. Außerdem führen einerseits Fachkräftemangel, andererseits Automatisierung und Veränderung von Anforderungsprofilen und Stellenwertigkeit dazu, dass die quantitative und qualitative Personalplanung und Personalentwicklung sowie Weiterbildung dringend auf die Agenda der Betriebsräte gehören.

Betriebsrat intern: Wie bleiben Betriebsräte hier auf Augenhöhe mit dem Arbeitgeber?

Thomas M. Steins: Gerade branchenübergreifende Vernetzung, Erfahrungsaustausch, kollegiale Beratung unter Betriebsratskollegen sind wichtige Werkzeuge, die beispielsweise bei den Berliner und Münchner Betriebsratstagen von WEKA einen großen Platz im Programm einnehmen. Arbeitsteiliges Vorgehen erfordert zum einen Vertrauen, ist aber eine riesige Chance, um Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Aber auch Schulung, Coaching und Beratung sind vonnöten.

Betriebsrat intern: Wie müssen sich Betriebsräte definieren, damit die Arbeitnehmer ihre Bedeutung verstehen?

Thomas M. Steins: Ganz wichtig ist, dass ein Betriebsrat kein Geheimrat ist, sondern die Belegschaft informiert, beteiligt, befragt, um Impulse und Ideen bittet. Betriebsräte sind Sprachrohr der Belegschaft und Gestalter, keine Blockierer – auch wenn Arbeitgeber sie oftmals in diese Ecke drängen wollen. Viele von Betriebsräten errungenen Schutzrechte können allerdings nur dann greifen, wenn die Belegschaft sie nicht selbst unterläuft. Insofern sind Sensibilisierung und Partizipation Erfolgsfaktoren für eine moderne Betriebsratsarbeit.

Betriebsrat intern: Herr Steins, vielen Dank.

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Autor: Martin Buttenmüller (ist Journalist und Chefredakteur des Fachmagazins Betriebsrat INTERN)