31.08.2017

Abkehr von der Lebensstandardsicherung

Ein Leben lang arbeiten, anständig verdienen – dann klappt es auch mit der Rente. Daran glaubt sowieso schon nur noch, wer selig ist. Selbst ziemlich gut verdienende Menschen dürfen sich kaum noch auf eine auskömmliche Rente freuen. Die Konsequenzen untersucht eine Studie.

Rentenniveau

Probleme für qualifizierte Beschäftigte

Geschäftsführung Betriebsrat. Das Rentenniveau wird sinken. Da sind sich die Fachleute weitgehend einig. Folge: auch für qualifizierte Beschäftigte mit mittlerem Einkommen wird es schwieriger, sich eine gesetzliche Rente deutlich oberhalb der Grundsicherungs- oder der Armutsgefährdungsschwelle zu erarbeiten. Das gilt insbesondere, wenn man statt des traditionellen Konzepts des Eckrentners mit 45 Beitragsjahren mit Durchschnittsverdienst nur noch kürzere Versicherungsverläufe zugrunde legt. Die aber sind heute schon und wahrscheinlich auch in Zukunft weit realistischer, insbesondere bei Frauen. Die Veränderungen werden erheblich sein. Das veranschaulichen neue Modellrechnungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Beispiel 1: Krankenpfleger

In der Kurzstudie werden Beispiele genannt. So erhält bei dem aktuellen Rentenniveau von rund 48 Prozent, gemessen am Durchschnittsentgelt, ein nach Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes bezahlter Alten- oder Krankenpfleger nach gut 25 Beitragsjahren eine Rente höher als die Grundsicherung im Alter. Würde heute dagegen bereits das für das Jahr 2045 prognostizierte Rentenniveau von knapp unter 42 Prozent gelten, hätte dieser Pfleger erst nach rund 29 Beitragsjahren einen Rentenanspruch oberhalb der Grundsicherung. Sie lag 2015 bei durchschnittlich 747 Euro im Monat.

Beispiel 2: Rentner

Anderes Beispiel: Ein Rentner mit 45 Beitragsjahren in Vollzeit muss beim aktuellen Rentenniveau im Durchschnitt 11,42 Euro pro Stunde brutto verdienen, um die Grundsicherungsschwelle zu überschreiten. Gälte schon das für 2045 prognostizierte Rentenniveau, wären dafür mindestens 13,06 Euro nötig. Bei 35 Beitragsjahren in Vollzeit stiege der notwendige Stundenlohn von aktuell 14,68 Euro auf 16,79 Euro.

Beispiel 3: Armutsgefährdung

Oder: Die Armutsgefährdungsschwelle liegt nach den neuesten vorliegenden Daten von 2015 bei 942 Euro Monatseinkommen für einen Alleinstehenden. Soll die gesetzliche Rente darüber liegen, fallen die notwendigen Stundenlöhne noch deutlich höher aus. Nach heutigem Stand und bei 45 Beitragsjahren in Vollzeit müsse man im Durchschnitt 14,40 Euro verdienen. Beim Rentenniveau des Jahres 2045 wären es 16,47 Euro. Rechnet man mit 40 Beitragsjahren in Vollzeit, betragen die nötigen Stundenlöhne sogar 16,20 bzw. 18,53 Euro.

Anhebung des Rentenniveaus

„Eine Stabilisierung oder Anhebung des Rentenniveaus ist dringend geboten, um für alle Einkommensgruppen die Lohnersatzfunktion der Renten und damit die Legitimität der Rentenversicherung sicherzustellen“, schreibt WSI-Alterssicherungsexperte Dr. Florian Blank im Resümee seiner Studie. Beides sei akut gefährdet, wenn langjähriger Beitragszahlung keine gesetzliche Rente deutlich über Grundsicherungsniveau oder Armutsgrenze gegenübersteht. Damit würde die nach wie vor tragende Säule des deutschen Alterssicherungssystems weiter beschädigt.

Qualifizierte Beschäftigung zu Tariflöhnen 

Blanks Untersuchung zeigt zudem, dass qualifizierte Beschäftigung zu Tariflöhnen beim aktuellen Rentenniveau einen verlässlichen Schutz vor Altersarmut bieten kann – eine lange Erwerbsbiografie vorausgesetzt. Das gelte vor allem in Bereichen wie der Industrie oder dem Öffentlichen Dienst. Viele Mindestlöhne wie auch der gesetzliche Mindestlohn seien hingegen zu niedrig, um damit auf eine gesetzliche Rente über dem Grundsicherungsniveau zu kommen, selbst bei ununterbrochener, 45jähriger Vollzeittätigkeit. So müsste eine Person, die zum gesetzlichen Mindestlohn beschäftigt wird, dafür beim heutigen Rentenniveau gut 60 Jahre arbeiten. Mit dem abgesenkten Rentenniveau des Jahres 2045 wären sogar mehr als 69 Beitragsjahre nötig. Wer den Branchenmindestlohn für Pfleger erhält, brauche bei dem derzeitigen Rentenniveau 55 Jahre, mit dem Niveau des Jahres 2045 mehr als 62 Beitragsjahre.

Stabilisierung des Rentenniveaus

„Das Rentenniveau zu stabilisieren oder anzuheben, ist kein Instrument zur Bekämpfung von Altersarmut bei Niedrigverdiensten oder stark fragmentierten Erwerbsverläufen“, betont Blank. Entsprechende Reformen würden aber verhindern, dass sich immer mehr Menschen, für die das bislang kein Thema ist, um ihren Lebensstandard im Alter Sorgen machen müssen. Den Kreis der von Altersarmut bedrohten Menschen nicht größer werden zu lassen, würde in einem zweiten Schritt auch eine zielgenaue Unterstützung von Risikogruppen erleichtern, so der Wissenschaftler.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)