News | Geschäftsführung Betriebsrat 09.03.2016

2015 – das Superstreikjahr

Alle redeten 2015 von Streik – vor allem bei der Bahn. Klar: Wenn der Zug nicht kommt, regt sich rasch Unmut. Doch hält er den Zahlen stand? 2015 war ein ungewöhnlich streikintensives Jahr. Ausschlaggebend dafür waren aber nicht die Bahnstreiks, sondern die bei Post und Öffentlichem Dienst.

Arbeitskampfbilanz

Rund zwei Millionen Streiktage

Geschäftsführung Betriebsrat. Das Arbeitskampfvolumen stieg im vergangenen Jahr auf rund zwei Millionen Streiktage. 2014 waren es nur knapp 400.000 Tage. Dies zeigt die Jahresbilanz zur Arbeitskampfentwicklung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institutes (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Zwei große Auseinandersetzungen

Danach beruht die erhebliche Steigerung im Wesentlichen auf zwei großen Auseinandersetzungen:

  • Allein 1,5- der zwei Millionen Streiktage entfielen auf den Arbeitskampf im Sozial- und Erziehungsdienst sowie den bei der Post.
  • Hinzu kam zu Beginn des letzten Jahres eine breite Warnstreikwelle in der Metall- und Elektroindustrie.

Zahl der Streikenden stieg

Aber auch die Zahl der Beschäftigten, die sich an Streiks beteiligten, stieg. Lag sie 2014 noch bei etwa 350.000, so kletterte sie im vergangenen Jahr ebenfalls deutlich auf 1,1 Millionen Streikende. Hierfür machen die Forscher die Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie verantwortlich. Bei ihnen legten rund 885.000 Beschäftigte die Arbeit nieder. Das WSI beruft sich hierbei auf Angaben der IG Metall.

Öffentliche Wahrnehmung der Streiks

Ganz anders dagegen die öffentliche Wahrnehmung der Streiks. Sie konzentrierte sich auf die vier Konflikte bei

  • Deutscher Bahn,
  • Post,
  • Sozial- und Erziehungsdienst sowie
  • die Streiks bei der Lufthansa.

„Dies überrascht nicht, berührten doch alle diese Arbeitskämpfe unmittelbar die Öffentlichkeit“, so WSI-Experte Dr. Heiner Dribbusch. Damit enden seiner Ansicht nach allerdings auch schon ihre Gemeinsamkeiten. Dass diese Konflikte im Jahr 2015 zusammentrafen, sei weitgehend zufällig, ihre Ursachen und Ziele sehr unterschiedlich, so der WSI-Experte.

Grundsatzstreit bei Bahn-Streik

Im Bahn-Konflikt bestimmte nach seiner Analyse ein Grundsatzstreit Dauer und Eskalation des Konflikts. Er wurde zwischen Management und Lokführer-Gewerkschaft ausgetragen und drehte sich um die Tarifzuständigkeit. Das mit Hilfe einer Schlichtung erzielte Ergebnis schließe für die nächsten Jahre eine Neuauflage dieses Konfliktes im Konzern aus, so Dribbusch.

Altersregelung ausschlaggebend bei Lufthansa-Streik

Bei der Lufthansa dagegen wehrten sich Vereinigung Cockpit und Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO gegen ein Sparprogramm der Firmenleitung und insbesondere Einschnitte bei der tariflichen Altersregelung. Eine Gesamtlösung stehe hier noch aus.

Deutsche Post provozierte Konflikt mit ver.di

Den Konflikt mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di bei der Deutschen Post habe der Vorstand durch die Ausgliederung des Paketdienstes provoziert. Sie ziele darauf, Zusteller schlechter bezahlen zu können. Das Vorgehen des Postkonzerns wertet Dribbusch als ein Beispiel dafür, wie Unternehmen einheitliche Tarifstrukturen aufbrechen und Tarifeinheit zerstören.

Finanzielle Aufwertung der Tätigkeiten bei Sozialdienst

Anders habe es sich in der Auseinandersetzung im Sozial- und Erziehungsdienst verhalten. Hier habe die Gewerkschaftsseite einen Streik zur finanziellen Aufwertung der Tätigkeiten geführt. ver.di und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stützten sich nach Dribbuschs Analyse auf eine breite Zustimmung zu den Streikzielen und nicht zuletzt auf ein außergewöhnliches, sich im Streikverlauf steigerndes Engagement der Beschäftigten. Die spektakuläre Ablehnung der Schlichtungsempfehlung durch die Streikenden erzwang Nachverhandlungen. Sie brachten schließlich ein Ergebnis.

Eine Million Streikbeteiligte keine Seltenheit

„Während bei den Streiktagen das Jahr 2015 aus den genannten Gründen tatsächlich außergewöhnlich war, sind eine Million und mehr Streikbeteiligte keine Seltenheit“, erklärt Dribbusch. Dennoch: Im internationalen Vergleich wird in Deutschland weiterhin relativ wenig gestreikt. Hier ist also noch einige Luft nach oben.

Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)