Interview | Baukonstruktion 10.03.2015

Gute Architektur ist unabhängig vom energetischen Standard

Der Nürnberger Architekt und Effizienzhaus-Experte Dr. Burkhard Schulze Darup spricht über Vorteile von und Vorurteile gegenüber energieeffizienter Bauweisen.

Energieeffizientes Bauen

1. Herr Dr. Schulze Darup, welche Anreize gibt es für Architekten und Fachplaner, hocheffiziente Gebäude zu bauen?

Als Architekt möchte ich Gebäude planen, die zukunftsfähig sind. Wenn für das Jahr 2020 ein neuer Standard absehbar ist, der über heutige Anforderungen weit hinausgeht, ist mein Bauherr nicht gut bedient, wenn ich für ihn den EnEV-Standard 2014 realisiere. Dann hat er nämlich in wenigen Jahren ein Gebäude, das nicht mehr dem Stand der Technik entspricht und einem entsprechenden Wertverlust unterliegt.

 

2. Energieeffiziente Bauweisen stehen unter dem Verdacht der Gleichförmigkeit. Kann der Architekt trotz hoher Auflagen noch kreativ bleiben?

Über die Frage habe ich vor 20 Jahren ernsthaft nachgedacht. Das Schöne ist, dass seitdem Unmengen von fantastischen Gebäuden errichtet wurden, die nebenbei auch energieeffizient sind. Ich bin der Überzeugung, dass gute Architektur unabhängig vom energetischen Standard ist. Die Effizienztechniken stellen in meinen Augen allerdings ein Handwerkszeug dar, das jeder Architekt selbstverständlich beherrschen sollte. Klar ist aber auch, dass uns in den letzten Jahrzehnten viele Entwicklungen von Effizienzkomponenten mehr Freiheiten bei der Gestaltung geben. Denken Sie nur an die Fenster. Früher waren es Schwachstellen mit hohem Diskomfort – heute können wir große Flächen mit U-Werten bauen, die vor nicht allzu langer Zeit noch nicht einmal bei Wänden gängig waren. Limitiert werden solche Gestaltungsansätze vor allem durch Belange des sommerlichen Wärmeschutzes.

 

3. Sie haben eine Erhebung zu Baukosten im energieeffizienten Bereich durchgeführt. Was war das Ergebnis?

Architekt und Effizienzhaus-Experte Dr. Burkhard Schulze Darup

Ein KfW-Effizienzhaus 40 oder ein Passivhaus weisen Mehrinvestitionen von 80 bis
140 € pro Quadratmeter Wohnfläche gegenüber einem Standardgebäude nach EnEV auf. Geschickte Planer schaffen es günstiger. Die Schwerenöter, die pro Quadratmeter 200 bis 300 € Mehrkosten sehen, sterben langsam aus oder bekommen keine Aufträge mehr. Die Studie im Auftrag der DENEFF zeigt, dass sich preisbereinigt die Kosten für die jeweils aktuellen WSVO- bzw. EnEV-Standards seit 1990 nicht erhöht haben. Das liegt daran, dass sich die Effizienzkomponenten sukzessive mitentwickeln und zunehmend kostengünstiger werden. Passivhausfenster waren 1998 zwei- bis dreimal so teuer wie Standardfenster. Heute sind sie zum Mainstream geworden und kosten nur noch 10 bis 15 Prozent mehr. Eine Kostenreduktion wird in den nächsten Jahren bei Lüftungstechnik zu verzeichnen sein – und erst recht bei der Heiztechnik. Wenn Sie ein hocheffizientes Einfamilienhaus mit 15 bis 20 Teelichtern heizen können, darf die Heiztechnik nicht mehr 30.000 € kosten. Außerdem ist es erfreulich, zu beobachten, dass viele junge Architekten und Architektinnen das Metier inzwischen gut beherrschen. Es wird also eine Frage von wenigen Jahren sein, bis hocheffizientes Bauen standardmäßig kostengünstig sein wird.

4. Ab welcher Grenze lohnt sich ein Plusenergiehaus wirtschaftlich gesehen für den Bauherrn?

Ab sofort!

 

5. In Ihrem neuen Buch „Passiv-, Nullenergie oder Plusenergiehaus“ vergleichen Sie Effizienzhaus-Standards miteinander.
Wie unterstützt das Buch den Architekten bei der Planung?

Indem wir zeigen, wie ein hocheffizientes Gebäude kostengünstig zum Plusenergiehaus wird! Eigentlich ist das ganz einfach: Plane einen guten Effizienzstandard und nutze Synergien bei der Ausführung der Gebäudetechnik in Verbindung mit Erneuerbaren wie der Photovoltaik. Das Herausgeberteam hat viel Erfahrung dabei – wir haben außerdem einige hochkarätige Experten eingebunden, die den neuesten Stand der Technik für ihren Bereich darstellen. Außerdem gibt es viele tolle Beispielprojekte in dem Buch „Passiv-, Nullenergie oder Plusenergiehaus“!

Autoren: Dr. Burkhard Schulze Darup (Architekt und Effizienzhaus-Experte), Anja Mayinger (Redakteurin)