Rechtsprechung | VOB/BGB
18.05.2015

Die Ausführung eines Wärmedämm-Verbundsystems bedarf der besonderen Überwachung durch den Architekten

Ein Wärmedämm-Verbundsystem ist ein technisch anspruchsvolles, „sensibles“ Gewerk. Die Ausführung eines solchen Systems muss der bauleitende Architekt besonders intensiv überwachen und überprüfen. So hat es das OLG Nürnberg in einem Urteil vom 20.06.2012 zum Aktenzeichen 6 U 1643/09 entschieden, das Mitte letzten Jahres vom BGH bestätigt worden ist (Beschluss vom 05.06.2014, VII ZR 187/12).

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Der Fall:

Die Fassaden eines fünfgeschossigen Gebäudes wurden mit einem Wärmedämm-Verbundsystem versehen. Bald zeigten sich Risse an der Fassade. Der ausführende Fachbetrieb ist inzwischen insolvent. Der Kläger verlangt vom bauüberwachenden Architekten Schadensersatz wegen baulicher Mängel, weil der die Bauausführung unzureichend überwacht hat. Der Architekt bestreitet diese Forderung. Ausführungsfehler seien dem ausführenden Unternehmer anzulasten. Er sei in der fraglichen Zeit mindestens zwei- oder dreimal pro Woche auf der Baustelle gewesen und habe die Arbeiten durch Stichproben kontrolliert.

 

Die Gerichtsentscheidung:

Das OLG Nürnberg weist die Berufung gegen das weitgehend der Klage stattgebende Urteil der Vorinstanz zurück. Die Begründung:

  • Bei üblichen, einfachen und gängigen Werkleistungen muss der Architekt nicht ständig auf der Baustelle sein. In der Regel kann er von einer sachgerechten Ausführung ausgehen, es sei denn, es gibt einen besonderen Anlass zur Kontrolle (BGH, VersR 1969, 473).
  • Aber die Objektüberwachung gehört zu den besonders wichtigen Architektenaufgaben. Bei der Erfüllung dieses Leistungsbilds sind deshalb erhöhte Anforderungen an den Architekten zu stellen. Diese Anforderungen sind gerade bei komplexen Gewerken, wie es ein Wärmedämm-Verbundsystem darstellt, anzulegen. Eine Frist zur Nacherfüllung an den Architekten nach § 281 Abs. 1 BGB erübrigte sich. Eine Nacherfüllung war nach Abschluss der Arbeiten (BGB § 275 Abs. 1), nicht mehr möglich, eine Fristsetzung wäre zwecklos gewesen (BGH, NJW 1974, 367).

 

Empfehlung für die Praxis:

Die Rechtsprechung kennt nur wenige Fälle, in denen keine besondere Bauüberwachung durch den Architekten gefordert ist. Nämlich dann, wenn es sich bei der Bauleistung um eine handwerkliche Selbstverständlichkeit (BGH, Urteil vom 22.07.2010 – VII ZR 77/08, IBRRS 2010, 3261) handelt. Darunter fallen zum Beispiel übliche Putzarbeiten (OLG Dresden, IBR 2011, 283), Malerarbeiten und Arbeiten am Balkongeländer (OLG München, IBR 2013, 691) oder Arbeiten an fertigen Konstruktionen (BGH, BauR 1976, 65). Erhöhte Aufmerksamkeit geboten ist dagegen bei Abdichtungs-, Dämmungs- und Dachdeckerarbeiten (OLG Frankfurt, IBR 2014, 555), Betonierungs- und Bewehrungsarbeiten (OLG Düsseldorf, IBR 2014, 30) sowie Sanierungsarbeiten am Altbau (OLG Celle, IBR 2014, 288).

 

Autor: WEKA-BAU Redaktion 

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