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30.04.2015

Abgrenzung der Begriffe „Toleranzen“ und „Unregelmäßigkeiten“

„Toleranzen“ und „Unregelmäßigkeiten“ stellen Störungen bzw. Abweichungen der Bauausführung vom Idealzustand dar.

Maßtoleranzen@ shironosov /​ iStock /​ thinkstock

Das Bauen ist ein handwerklicher Vorgang. Zug um Zug, gewerkeweise, entsteht ein Bauwerk. Dem Bauvorgang zugrunde liegt die Planung, die sowohl in maßlicher als auch in optischer Hinsicht den Idealzustand (Sollzustand) des zu errichtenden Gebäudes darstellt. Anders als bei industrieller Fertigung kommt es bei der handwerklichen Umsetzung der Planung zu kleineren und größeren Abweichungen von der Planung. Dabei kann es sich um Maßungenauigkeiten handeln, aber auch um Farb- und Strukturabweichungen, Verschmutzungen und Beschädigungen etc., die während des Bauprozesses entstehen. Aber auch nach der Gebäudefertigstellung können sich noch Änderungen durch die Anpassung des Gebäudes an die Umgebung (Setzung, Bewitterung, Temperatureinwirkung etc.) ergeben. Sowohl bei „Toleranzen“ also auch bei „Unregelmäßigkeiten“ handelt es sich also um Störungen bzw. Abweichungen der Bauausführung vom Idealzustand, dem absolut makellosen und fehlerfreien Bauwerk.

Die „Toleranzen“ umfassen dabei den zulässigen maßlichen Spielraum zwischen den in der Planung vorgegebenen theoretischen Maßen und den tatsächlich ermittelten Maßen am Bauwerk. Maßtoleranzen werden in der DIN 18202 geregelt. Die DIN 18202 stellt eine anerkannte Regel der Technik dar, darin enthaltene Grenzwerte bezüglich der Maß-, Ebenheits- und Winkelhaltigkeit von Gebäuden gelten für alle Gewerke und sind zwingend einzuhalten. Da die DIN 18202 eine Passungsnorm ist, dienen die in ihr enthaltenen Grenzwerte dem Zusammenfügen von Bauteilen des Roh- und Ausbaus ohne Anpass- und Nacharbeiten und ermöglichen dadurch einen reibungslosen Bauablauf. Das Erscheinungsbild eines Bauwerks kann durch die DIN 18202 jedoch nicht beurteilt werden.

Bei „Unregelmäßigkeiten“ handelt es sich im Gegensatz zu den „Toleranzen“ grundsätzlich um alle Arten von Abweichungen der Beschaffenheit eines Bauwerks vom Sollzustand, also sowohl in maßlicher als auch in optischer Hinsicht. Unregelmäßigkeiten werden i.d.R. danach unterschieden, ob sie

  • das Erscheinungsbild oder
  • die Funktion

eines Gebäudes oder Bauteils betreffen. Unregelmäßigkeiten beim Erscheinungsbild, d.h. optische Beeinträchtigungen eines Gebäudes oder Bauteils können sein:

  • Unebenheiten von Bauteiloberflächen, auch wenn sie die zulässigen Maßabweichungen nicht überschreiten,
  • Farb- und Strukturabweichungen
  • Verschmutzungen
    – die während der Bauphasen entstehen (z.B. Mörtel auf Fensterrahmen)
    – die erst nach der Bauphase auftreten (Bewitterung von Fassaden, Veralgungen, Schmutzablagerung,Schmutzfahnen, Ausblühungen, etc.)
  • Beschädigungen in geringem Umfang wie z.B. Ausbrüche, Kratzer etc.
  • Risse
  • temporäre Feuchtigkeitserscheinungen wie z.B. Kondensat an der Außenseite von Fensterscheiben
  • Maßabweichungen in einem geringen Umfang, z.B. ein unregelmäßiger Fugenverlauf etc.

Beschädigungen wie Kratzer, Ausbrüche und Abplatzungen, Beulen und Dellen müssen i.d.R. nicht hingenommen werden, außer in Einzelfällen. Das können z.B. Fälle sein, bei denen kleine Ausbrüche durch die Verarbeitung nicht ausgeschlossen werden können (Mauerwerk) oder aber kleine Einschlüsse und Kratzer in Verglasungen. Verschmutzungen, die während der Bauphase entstehen, sind i.d.R. zu entfernen. Anders verhält es sich nach dem Bezug eines fertiggestellten Gebäudes. Verschmutzungen müssen dann dahin gehend beurteilt werden, ob sie aufgrund eines Planungs- oder Ausführungsfehlers auftreten oder aber durch den normalen Gebrauch einer Sache bzw. durch Umgebungseinflüsse entstehen.

Autor: Dipl. Ing. Architektin Petra Derler

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