11.05.2021

Zoom-Fatigue: Raus aus dem Hamsterrad!

Videokonferenzen in hoher Frequenz, Sitzen ohne Ausgleich und pausenloses Arbeiten lassen viele Beschäftigte im Homeoffice schnell ermüden und sie haben unter Umständen Schwierigkeiten, sich auf ihre Tätigkeiten zu konzentrieren. Dieser Zustand wird auch mit dem Schlagwort „Zoom-Fatigue“ bezeichnet. Die gute Nachricht: Betroffene und Führungskräfte können etwas gegen Zoom-Fatigue tun und ernsthafteren Erkrankungen vorbeugen.

Frau sitzt müde und demotiviert vor dem Bildschirm - ein Anzeichen von Zoom Fatigue

Der Begriff „Zoom-Fatigue“ ist eine Zusammensetzung des Namens eines amerikanischen Softwareherstellers (Zoom) und des französischen Worts „Fatigue“ (Müdigkeit, Erschöpfung).

Die wesentlichen Symptome sind eine schnelle Ermüdbarkeit, ein Grundgefühl von Erschöpfung und das Gefühl einer immer stärkeren Überforderung. Der Zustand ist tatsächlich als Vorstufe und Warnzeichen für eine drohende Arbeitsunfähigkeit z.B. durch depressive Verstimmung und Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sehen.

Warum Beschäftigte unter Zoom-Fatigue leiden

Keine Frage: Video-Konferenzen sind aus guten Gründen ein fester Bestandteil unseres Arbeitsalltags geworden und sie werden das auch bleiben. Denn sie bieten zahlreiche Vorteile: Sie ersetzen u.a. Reisetätigkeiten, erleichtern und erweitern die Möglichkeiten der individuellen Fortbildung und des Austauschs und leisten neben Zeitersparnis auch einen Beitrag zum Klimaschutz. Viele Arbeitnehmer empfinden sie aus diesen und vielen anderen Gründen als wesentlich angenehmer als Meetings im Konferenzraum.

Sie bieten aber auch Nachteile, mit denen andere Arbeitnehmer möglicherweise nicht so gut zurecht kommen:

  • Wo sich im Büro Termin an Termin reiht, reiht sich in der Online-Welt Videokonferenz an Videokonferenz.
  • Nicht nur der Raumwechsel entfällt auch die Pause dazwischen muss in der Regel daran glauben.
  • Wo sich im Meetingraum im Büro alle Blicke auf den gerade Sprechenden richten, entsteht in der Videokonferenz das Gefühl, dass jeder jeden permanent beobachtet.
  • Zusätzlich sieht jeder Teilnehmer auch permanent sich selbst auf dem Bildschirm. Besonders Frauen können sich durch diese permanente Selbstbeobachtung mitunter gestresst fühlen, wie eine kürzlich veröffentlichte Stanford-Studie zeigt.
  • Zusätzlich ist die Möglichkeit, körpersprachliche Signale wie Mimik und Gestik zu lesen, in Videocalls erschwert und erfordert viel Energie.

Die Ursache für Zoom-Fatigue liegt aber auch in einer mangelnden Selbstfürsorge der Beschäftigten im Homeoffice:

  • Pausen werden nicht oder nicht in ausreichender Zahl und Dauer genommen.
  • Pausen werden für Tätigkeiten z.B. im Haushalt genutzt.
  • Die Arbeit ist entgrenzt – es entsteht das Gefühl, direkt nach der Arbeit mit ihr ins Bett zu gehen und mit ihr wieder aufzustehen.
  • Bewältigungsstrategien wie Bewegung, gute Ernährung, soziale Kontakte, regelmäßiger und ausreichender Schlaf sowie die gesunde Strukturierung von Arbeit fehlen oder sind zu wenig ausgeprägt.

Um Zoom-Fatigue vorzubeugen, muss an diesen konkreten Ursachen gearbeitet werden. Zusätzlich sollten sich die Beschäftigten eine wirksame Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle aneignen und selbst für gesunde Arbeitsbedingungen sorgen bzw. diese vom Betrieb einfordern.

Die eigene Anstrengung richtig einschätzen

Eine der wichtigsten Schutzmaßnahmen gegen Zoom-Fatigue ist es, dass Beschäftigte die eigene Anstrengung richtig einschätzen. Die hohe Beanspruchung durch die sitzende Tätigkeit wird häufig unterschätzt. Nicht selten haben Beschäftigte nach Videokonferenzen, bei denen sie wenig aktiv werden mussten, das Gefühl, sie hätten ihre Pause schon gehabt.

Dabei führen die aufgewendete Konzentration und das Sitzen auch bei passiver Teilnahme zur Ermüdung. Anstrengend ist auch, immer über die Videokamera einen konzentrierten, positiven Eindruck zu vermitteln. Deshalb sollten Beschäftigte nach längerem Austausch per Zoom & Co. auf jeden Fall eine kurze Pause machen.

Um die eigene Anstrengung besser einschätzen zu können, hilft es auch, wenn die Beschäftigten für sich selbst protokollieren, welche Tätigkeiten sie im Laufe des Tages durchführen. Oft wird ihnen erst dadurch bewusst, wie viel sie den ganzen Tag über leisten. Positiver Nebeneffekt: Sie wirken dem am Feierabend oft aufkommenden negativen Gefühl, „eigentlich“ nicht wirklich etwas geleistet zu haben, entgegen.

Chance Homeoffice: Arbeit aktiv gestalten

Das Homeoffice bietet eine große Chance: Die Beschäftigten können ihre Arbeitsplätze und deren Umfeld in hohem Maße nach ihren Bedürfnissen gestalten. Anders als in wirklichen Meetings kann in einer Videokonferenz jede Person für sich selbst festlegen, wie die Raumtemperatur ist, in welcher Frequenz gelüftet wird und ob man sitzt, steht oder ggf. sogar liegt.

Machen Sie in einer Unterweisung den Beschäftigten diese Möglichkeiten zu einer aktiven gesunden Gestaltung bewusst. Dazu können z.B. die Führungskräfte einfach abfragen: „Wie gestaltet ihr euren Arbeitsplatz, wenn ein langes Meeting per Zoom bevorsteht?“ Die Antworten geben allen anderen Kollegen Impulse zu einer gesunden Gestaltung der Arbeitszeit, etwa:

  • ein Glas Wasser bereitstellen
  • bequeme Kleidung tragen
  • rechtzeitig das WC aufsuchen
  • alle notwendigen Unterlagen bereitlegen
  • das Mobiltelefon abschalten
  • den Raum vorher lüften bzw. das Fenster kippen
  • zeitweise stehen oder liegen

Eine gute Vorbereitung bei längerer digitaler Kommunikation hilft auch mental gegen das Gefühl, im Hamsterrad zu sitzen und von einer Besprechung in die nächste zu hetzen.

Weniger Meetings mit mehr Pausen

Die gesündesten Videokonferenzen sind die, an denen man erst gar nicht teilnimmt. Deshalb ist eine Meeting-Diät zur Begrenzung der digitalen Kommunikation eine wirksame Möglichkeit, Zoom-Fatigue entgegenzuwirken.

Die Beschäftigten sollten deshalb prüfen, wann die Teilnahme an Meetings wirklich notwendig ist und wann nicht. Unter Umständen ist eine wechselnde Teilnahme von Kollegen möglich. Diejenigen, die abwesend waren, werden im Anschluss kurz per E-Mail informiert.

Bei längeren Meetings und Videokonferenzen soll die verantwortliche Person gleich zu Beginn Pausen festlegen. Sinnvoll ist auch ein kurzes Abschiedsritual, das im einfachsten Fall aus einem kurzen Austausch über allgemeine Themen bestehen kann.

Und last but not least: Versuchen Sie, jedes Meeting ca. 5 Minuten vor der veranschlagten Zeit abzuschließen. Dadurch haben alle Teilnehmer die Möglichkeit, sich vor dem Anschlusstermin eine kurze Pause zu gönnen –  und sei es nur zum Lüften und um sich ein neues Getränk zu holen.

Warum eigentlich nicht: Kamera einfach mal ausschalten

Heute wird Kommunikation, die früher per Telefon durchgeführt wurde, fast ausschließlich per Video durchgeführt. Aber warum eigentlich? Einfache Telefonate sind weitaus weniger belastend als Kommunikation, in der Beschäftigte auch im Bild zu sehen sind. Die Beschäftigten sollen deshalb Eins-zu-Eins per Telefon kommunizieren, sofern es für Videotelefonate keine zwingenden Gründe gibt. Und auch in Meetings kann es entlastend sein, wenn alle den Blick auf den Monitor des Vortragenden richten können – ähnlich dem Flipchart im Meetingraum – und dabei ihre Kameras einfach mal abschalten.

Mehr Bewegung als Ausgleich

Beschäftigte im Homeoffice sind durchschnittlich wesentlich weniger in Bewegung als Kollegen, die im Betrieb tätig sind. Das ist leicht nachvollziehbar: Es fehlt der Weg zum Arbeitsort. Notwendig ist deshalb eine Strategie, um wieder mehr in Bewegung zu kommen:

  • Pausen für Spaziergänge nutzen
  • vor oder nach Feierabend joggen
  • das Wochenende bewusst für längere Radtouren nutzen

Auch während der Arbeitszeit können Beschäftigte für Bewegung sorgen. Mit höhenverstellbaren Schreibtischen lassen sich Sitzphasen durch Stehphasen ersetzen. Bei statischen Schreibtischen sollten die Beschäftigten einmal pro Stunde die Beine „ausschütteln“ oder im Raum umhergehen.

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Handlungshilfe psychische Belastungen während der Corona-Pandemie

Mehr über die Gefährdungen, die Beschäftigte speziell im Homeoffice während der Corona-Pandemie erwarten, lesen Sie in „Psychische Belastungen beurteilen“ – die Praxislösung, die Sie Schritt für Schritt durch die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen lotst. Inklusive Muster und Fallbeispielen für Gefährdungsbeurteilungen, Leitfäden und zahlreichen weiteren Arbeitshilfen.

Autor: Martin Buttenmüller (Martin Buttenmüller ist Autor und Chefredakteur des Fachmagazins Arbeitsschutz-Profi AKTUELL)