17.11.2020

Wie steht es um den Arbeitsschutz in der Corona-Krise? – Umfrage unter Sicherheitsfachkräften

96 % der Betriebe haben angesichts der Corona-Krise besondere Schutzmaßnahmen umgesetzt und fast die Hälfte der befragten Sicherheitsfachkräfte hält es für wahrscheinlich, dass der Stellenwert des Arbeitsschutzes in Deutschland zukünftig zunimmt. Das zeigt eine nicht-repräsentative WEKA-Umfrage unter Arbeitsschützern über ihre Erfahrungen mit der Pandemie. Im improvisierten Homeoffice und bei der zeitlichen Auslastung gibt es jedoch Probleme.

Umfrage zu Corona und Arbeitsschutz

Über die Umfrage

Der Arbeitsschutz wurde von der Corona-Pandemie weitgehend überrumpelt. Unternehmer, Betriebsräte und Sicherheitsfachkräfte hatten rund einen Monat Zeit, um die 180°-Drehung von „irgendein chinesisches Virus weit, weit weg“ hin zu „Betriebsschließung, Hygienefokus und Mitarbeiterquarantäne sind die neue Realität“ zu schaffen. Wie ging es Arbeitsschützern damit? Welchen Herausforderungen standen sie gegenüber? Wie hat Corona ihre tägliche Arbeit verändert? Um die Situation im Arbeitsschutz genauer zu beschreiben, hat WEKA rund 100 Sicherheitsfachkräfte im Juli 2020 zu ihren Erfahrungen und ihren Umgang mit der Corona-Krise befragt. Die Antworten bilden die Situation nach der ersten Welle ab, als die Ausbreitung des Virus unter Kontrolle schien. Obwohl nicht repräsentativ, halten sie einige interessante Ergebnisse bereit.

Erfahrungen im Arbeitsschutz allgemein

Die Corona-Pandemie stellt Unternehmen vor einen ganzen Berg wirtschaftlicher und organisatorischer Herausforderungen. Ein Fragenkomplex unserer Erhebung wollte erkunden, wo und wie diese in den Arbeitsschutz einfließen und ihn verändern.

Besondere Herausforderungen im Arbeitsschutz

Zu den größten Herausforderungen angesichts der Corona-Krise zählt für 71 % der befragten Sicherheitsfachkräfte die Beurteilung psychischer Belastungen. Dringenden Handlungsbedarf sehen sie ferner bei der Anpassung von Gefährdungsbeurteilungen, der Organisation und inhaltlichen Erweiterung von Unterweisungen sowie der Erstellung eines Hygienekonzepts – wenn auch in wesentlich geringerem Umfang.

Umfrage Herausforderungen im Arbeitsschutz durch Corona

Inhaltliche Veränderungen durch Corona

Wer Probleme neu priorisiert, wird höchstwahrscheinlich auch seine Agenda anpassen – oder? Eng verbunden mit den wahrgenommenen Herausforderungen ist deshalb die Frage nach neuen oder geänderten Aufgaben im Arbeitsschutz.

Tatsächlich berichtet nur knapp die Hälfte der Sicherheitsfachkräfte, sie würden eine veränderte inhaltliche Ausrichtung im Arbeitsschutz bemerken. Möglich, dass sich bei denen, die dies verneinen, vor allem die Geschäftsführung in die Pandemiemaßnahmen eingeschaltet hat. Möglich auch, dass einige Kernthemen der Pandemie – z.B. psychische Belastungen – ohnehin auf der Agenda von Arbeitsschützern standen. Wie dem auch sei, das Ergebnis ist, angesichts des Umsetzungsgrads von Maßnahmen (siehe unten), eher mit Vorsicht zu genießen und überrascht.

Umfrage veränderte Aufgaben im Arbeitsschutz durch Corona

Weniger überraschend: Bei fast allen, die eine inhaltliche Veränderung bejahen, hat der Infektionsschutz entweder an Bedeutung zugenommen oder gar alles Weitere verdrängt. „Mehr Hygiene, weniger Stolperfallen“, bringt es einer der Umfrageteilnehmer auf den Punkt. 11 % berichten davon, dass laufende Projekte unterbrochen und coronaferne Aufgaben liegen bleiben würden. Die Ergebnisse zeigen erfreulicherweise jedoch auch, dass sich die verstärkte Problemwahrnehmung bei den psychischen Belastungen bereits im Sommer 2020 in handfesten Inhalten niedergeschlagen hat.

Die Stellung des Arbeitsschutzes durch Corona

Die Umfrageteilnehmer blicken recht optimistisch in die Zukunft. 49 % meinen, dass der Arbeitsschutz in Unternehmen an Bedeutung gewinnen wird, für immerhin 41 % wird sich sein Stellenwert nicht verändern. Dafür, dass wirtschaftliche Unsicherheit oft als einer der Hauptgründe herhalten muss, warum „weiche Themen“ wie der Arbeitsschutz in letzter Reihe stehen, ist das ein ermutigend hoher Prozentsatz.

Umfrage verändert sich durch Corona die Bedeutung des Arbeitsschutzes

Konkrete Infektionsschutzmaßnahmen

Die Ergebnisse der Umfrage verdeutlichen auch, dass der Arbeits- und Infektionsschutz für die Mehrzahl der Betriebe selbst in der Phase relativer Entspannung, die uns der Sommer 2020 beschert hat, eine große Rolle spielt.

96 % der Betriebe haben spezielle Regelungen zum Arbeitsschutz in der Corona-Krise umgesetzt. Ganz vorn mit dabei: zusätzliche Unterweisungen (87 %), das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckung (86 %) und Homeoffice (86 %) (Zur Klarstellung: Mit Homeoffice ist auch immer mobile Arbeit gemeint).

Überhaupt: Auf organisatorische und verhaltensorientierte Maßnahmen haben Betriebe recht häufig zurückgegriffen (Desinfektionsregeln: 78 %, versetzte Arbeitszeiten: 76 %, Konzepte für Kundenkontakt: 70 %). Die (technische) Abtrennung von Arbeitsplätzen war hingegen „nur“ für 57 % der Unternehmen eine Option.

Umfrage Umsetzung von Arbeitsschutzmaßnahmen gegen Corona

Zu bedenken ist hier jedoch, dass Maßnahmen nicht für alle Betriebe in gleichem Maß sinnvoll sind, sondern immer die konkrete Gefährdungssituation vor Ort widerspiegeln.

Erfahrungen mit Homeoffice und mobilem Arbeiten

Auffällig ist mit 86 % der hohe Prozentsatz der Unternehmen, die lang- oder kurzfristig auf Homeoffice gesetzt haben – obwohl gleichzeitig bei rund einem Drittel dafür jegliche Regelungen fehlten. Für Mitarbeiter, IT-Infrastruktur und die Kommunikation generell bedeutete das in aller Regel eine sehr große Umstellung in sehr kurzer Zeit. Ein zweiter Fragenkomplex beschäftigt sich deshalb eingehender damit, wie Sicherheitsfachkräfte die Situation für Beschäftigte im Homeoffice einschätzen.

Arbeitsbedingungen in Betrieb und Homeoffice im Vergleich

Die Bedingungen im improvisierten Homeoffice beurteilen viele Arbeitsschützer eher kritisch. Kommunikation, Ergonomie, technische Ausstattung – überall dort sieht mindestens die Hälfte der Befragten die Bedingungen im Betrieb klar im Vorteil. Auffällig ist gleichzeitig, dass hier rund ein Drittel der Befragten keinen Unterschied zwischen der Arbeit zu Hause und der Arbeit im Betrieb sieht.

Umfrage_Arbeitsbedingungen im Homeoffice

Bei einem Punkt hat Homeoffice jedoch die Nase vorn: Drei Viertel der Sicherheitsfachkräfte geben an, zu Hause könnte man ungestörter arbeiten als im Büro.

Die größten Probleme im Homeoffice

Das ist insofern interessant, weil ebenfalls drei Viertel die Kinderbetreuung als Homeoffice Problem Nr. 1 identifizieren. Möglich, dass viele auf die Fähigkeit der Beschäftigten vertrauen, trotz der Widrigkeiten kreative Betreuungslösungen für ihre Kinder zu finden.

Häufige Probleme sieht über die Hälfte der Befragten ebenfalls in fehlenden sozialen Kontakten sowie bei der Ergonomie.

Umfrage_Probleme beim Homeoffice

Fazit

Ein wirksamer Arbeits- und Gesundheitsschutz hilft nicht nur wesentlich bei der Eindämmung der Pandemie, sondern schwächt auch langfristige Probleme durch z.B. fehlende Ergonomie im Homeoffice und psychische Belastungen ab.

Diesbezüglich erlauben die Ergebnisse einen vorsichtigen Optimismus – zumindest hinsichtlich der Situation bis Juli 2020. Sie zeigen, dass die Bedeutung des Infektionsschutzes in quasi allen Betrieben zugenommen hat. Betriebe haben eine Vielzahl an Maßnahmen umgesetzt. Und obwohl Sicherheitsfachkräfte davon sprechen, dass Aufgaben jenseits des Infektionsschutzes oft zu kurz kämen, haben viele von ihnen auch an anderen Fronten (Ergonomie, psychische Belastungen) wirksam gekämpft oder diese zumindest im Blick behalten.

Autor: WEKA Redaktion