21.09.2022

Traumagefahren am Arbeitsplatz wirksam begegnen

Stellen Sie sich vor, so etwas würde auf Ihrem Werksgelände passieren: Ein Gabelstapler kippt um und der Fahrer wird darunter begraben oder neben einer Gruppe von Mitarbeitern explodiert ein Gefahrgutbehälter. Wenn Beschäftigte so etwas erleben müssen, kann daraus ein Trauma mit langfristiger Arbeitsunfähigkeit entstehen. Die entscheidende Frage lautet: Wie lässt sich verhindern, dass unmittelbar Betroffene und Zeugen seelisch erkranken? Von der Sensibilisierung über die Notfallvorsorge bis zur sozialen Unterstützung: Es gibt einige N, wie Arbeitsschützer hier aktiv werden können. Lesen Sie im Beitrag mehr darüber.

Frau bedeckt verzweifelt ihr Gesicht mit den Händen

Sensibilisieren Sie Beschäftigte rund ums Trauma

Sensibilisieren Sie die Beschäftigten dafür, was ein Trauma ist und wie sie sich und Kolleginnen und Kollegen davor schützen können. Laden Sie z.B. Experten zum Thema „Trauma“ ein. Und zeigen Sie an Beispielen, was ein Trauma auslösen kann:

  • Feuer und Explosionen
  • erlebte oder beobachtete Gewalt
  • erlebte oder beobachtete Unfälle und Erkrankungen
  • Verschüttungen, Eingesperrtsein
  • Erleben von bedrohlichen Situationen (z.B. durch Kunden oder Patienten)

Neben akuten und unmittelbar als lebensbedrohlich empfundenen Ereignissen können auch sehr belastende Situationen, die tage- oder wochenlang anhalten, ein Trauma hervorrufen – etwa sexuelle Übergriffe, denen Beschäftigte über längere Zeit ausgesetzt sind.

Nicht jede „traumatische Erfahrung“ führt auch zu einem Trauma

Viele Betroffene können die Erlebnisse nach einigen Tagen oder Wochen verarbeiten und gesunden vollständig. Ob dies geschieht, hängt von folgenden Faktoren ab:

Resilienz

Manche Menschen sind widerstandsfähiger (resilienter) als andere; so kann eine Erfahrung auf eine Person kaum einen Eindruck machen, während andere bereits traumatisiert sind. Entscheidend ist also die subjektive Bewertung einer Situation durch die Betroffenen, keine „objektive“ Schwere des Erlebnisses.

Traumalast

Neben dieser Verletzlichkeit (Vulnerabilität) spielt die Traumalast, also die Schwere des Erlebnisses, eine Rolle. Diese Schwere setzt sich zusammen aus der Intensität des Erlebnisses und dem Zeitraum, in dem eine Person einer stark belastenden Situation ausgesetzt ist. Je tiefgreifender und erschütternder ein Erlebnis ist und je länger es anhält, desto größer ist die Gefahr einer Traumatisierung.

Es ist kaum vorherzusagen, wie Menschen auf belastende Erlebnisse reagieren. Deshalb sind Schutzmaßnahmen für alle Beschäftigten vorzusehen.

Woran Sie Traumata erkennen

Anzeichen für Traumata können direkt nach dem Ereignis auftreten, oft aber auch erst Tage oder Wochen danach. Häufige Symptome sind unmittelbar nach dem Ereignis auftretende starke emotionale Reaktionen wie Angst, Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit. Oft, vor allem bei sozialer Unterstützung, bilden sich diese Symptome wieder zurück.

Bei einem Teil der Betroffenen ist dies jedoch nicht der Fall, sondern es kommen Symptome wie Schlaflosigkeit, Albträume, sozialer Rückzug, depressive Episoden und Flashbacks (Wiedererleben des Ereignisses) hinzu. Auch Suizidgedanken können auftreten. Dann ist davon auszugehen, dass sich ein Trauma entwickelt hat.

Soziale Unterstützung ist essentiell

Ganz wichtig beim Verarbeiten traumatischer Ereignisse ist die soziale Unterstützung. Sie dämpft die Intensität der Stressreaktionen wie Angst und Hilflosigkeit und stellt Sicherheit und Orientierung so weit wie möglich wieder her.

Da Beschäftigte und Führungskräfte bzw. Ersthelfer die Betroffenen meist zuerst betreuen, sollten diese darin unterwiesen werden, Betroffene zu unterstützen. Betroffene sind neben den direkt Beteiligten stets Personen, die ein Ereignis miterlebt haben.

Unmittelbar Betroffene

Diese sind so schnell wie möglich aus dem Gefahrenbereich „in Sicherheit“ zu bringen. Häufig werden größere, aber geschlossene Räume von Betroffenen als sicher empfunden. Äußere Reize sollen so weit wie möglich reduziert werden.

Mittelbare Betroffene

Auch Beschäftigte, die indirekt von der Nachricht erfahren, können betroffen sein. Deshalb sollten Führungskräfte Beschäftigte nach einem gefährlichen Ereignis zusammenrufen und sich mit ihnen besprechen. Dieses Treffen kann der Entlastung dienen und den Beschäftigten die Möglichkeit geben, sich über das Geschehene auszutauschen. Führungskräfte können auch erkennen, ob mittelbar Betroffene Symptome zeigen – und ihnen wie den unmittelbar Betroffenen Unterstützung zukommen lassen.

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Fazit zur Traumabekämpfung am Arbeitsplatz

Bei den hier vorgestellten Maßnahmen handelt es sich um Sekundärprävention: Das potenziell traumatisierende Ereignis ist bereits passiert und eine drohende psychische Erkrankung soll verhindert bzw. die Wahrscheinlichkeit dafür minimiert werden. Über eine Primärprävention sollten jedoch auf der Basis der Gefährdungsbeurteilung Vorkehrungen zur Reduzierung der Traumagefahr geplant und durchgeführt werden.

So kommen Sie weiter:

 

Autor*in: Markus Horn