Fachbeitrag | Informieren und Recht
12.01.2015

Suchthilfe – wichtiger Baustein des präventiven Arbeits- und Gesundheitsschutzes

Suchtprobleme durch den Konsum von Alkohol, Medikamenten, Nikotin, illegalen Drogen oder Esssucht spielen branchenübergreifend eine größere Rolle als oftmals angenommen.

Hands and pills© Comstock Images /​ Stockbyte /​ Thinkstock

Es ist davon auszugehen, dass bis zu 10 Prozent aller Beschäftigten stoffgebundene Suchtmittel in missbräuchlicher Weise konsumieren – vor allem Alkohol oder Medikamente.

Bei jüngeren Beschäftigten spielen die Opioid- oder Cannabisproblematik sowie leistungssteigernde Medikamente (Hirndoping) eine größere Rolle. Experten erwarten, dass auch die Bedeutung von nicht stoffgebundenen Süchten wie Medien- oder Arbeitssucht deutlich zunehmen wird.Die Suchtentstehung wird durch individuelle psychische Fehlbelastungen begünstigt, der Griff zum Suchtmittel ist häufig ein Bewältigungsversuch um erhöhten Anforderungen und Ansprüchen zu genügen.

Der regelmäßige Konsum von Suchtmitteln hat eine Erhöhung direkter und indirekter Kosten zur Folge, bedingt durch

  • höhere Fehlzeiten
  • ein deutlich erhöhtes Risiko von Arbeitsunfällen
  • ein gesundheitsgefährdendes Potenzial
  • geringere bzw. fehlerhafte Arbeitsleistung
  • suchtmittelbedingten Verlust an Eigeninitiative und Urteilskraft -> Selbstgefährdung
  • zusätzliche Belastung der Kollegen
  • Gefährdung von Kollegen, Umwelt sowie Betriebsanlagen
  • Störung des Betriebsklimas
  • Arbeitsunfähigkeit, Frühberentung

Verbindliche und sinnhafte Regeln zum Umgang mit Suchtmitteln

In jedem Betrieb, ganz gleich welcher Größe und welcher Branche, sollte es verbindliche und sinnhafte Regeln zum Umgang mit Suchtmitteln am Arbeitsplatz geben, besser noch, Suchtprävention und hilfe als festen Bestandteil der Unternehmenskultur und Personalführung etablieren.

Regelungen im Arbeitsschutzgesetz und der DGUV Vorschrift 1

Mit dem Arbeitsschutzgesetz hat der Gesetzgeber dem Arbeitgeber auferlegt, gesundheitliche Gefährdungen am Arbeitsplatz abzubauen und die Ursachen möglichst an der Quelle zu beseitigen (§§ 5,6 ArbSchG). Dabei sind die gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse und Verfahren zu berücksichtigen, zu denen auch  betriebliche Suchtpräventionsprogramme gerechnet werden. Die Mitwirkungspflicht der Beschäftigten ist unverzichtbar (§§ 15-16 ArbSchG).

In der Unfallverhütungsvorschrift „Grundsätze der Prävention“ (DGUV Vorschrift 1) ist geregelt, dass Mitarbeiter nicht beschäftigt werden dürfen, die erkennbar nicht in der Lage sind, eine Arbeit ohne Gefahr für sich oder andere auszuführen. Auch dürfen sich Arbeitnehmer durch den Konsum von Alkohol oder anderen psychoaktiven Substanzen nicht in einen Zustand versetzen, durch den sie sich selbst oder andere gefährden können. Dann verfällt auch der Versicherungsschutz aus der gesetzlichen Unfallversicherung.

„Arbeitskreis Sucht“

Grundlage für die betriebliche Suchtprävention ist in der Regel ein „Arbeitskreis Sucht“, der die Lage im Betrieb analysiert und daraus die entsprechenden Ziele und Maßnahmen ableitet. Er kann aus Geschäftsführung, Personalabteilung, Betriebsrat, Betriebsarzt, Sicherheitsfachkraft, Vorgesetzten sowie Suchtkrankenhelfern zusammengesetzt sein. Die Einbindung abstinent lebender suchtkranker Mitarbeiter (z. B. trockener Alkoholiker) sowie Krankenkassen ist sehr zu empfehlen.

Als Ergebnis sind gemeinsam definierte, für alle eindeutig und verbindliche Rahmenbedingungen erstrebenswert, u.a. eine Dienst- oder Betriebsvereinbarung, die verbindliche Regeln zum Umgang mit Suchtmitteln am Arbeitsplatz gibt (u.a. striktes Alkoholverbot, Nichtraucherschutzregelungen) und kontinuierlich weiterentwickelt werden sollte.

Betriebliches Suchtpräventionsprogramm

Darüber hinaus ein zielgruppenspezifisch ausgerichtetes betriebliches Suchtpräventionsprogramm zur Förderung der Risikokompetenz und Handlungssicherheit, das nachhaltig in den betrieblichen Arbeitsschutz bzw. in das betriebliche Gesundheitsförderungsmanagement integriert wird.

Kernpunkt der vorbeugenden Aktivitäten in der betrieblichen Suchtprävention ist die Erweiterung der individuellen Gesundheitskompetenz  durch frühzeitige (bereits in der Ausbildung), kontinuierliche Information/Aufklärung der Beschäftigten über

  • Gebrauch und Wirkung von Suchtmitteln (dabei z.B. Besuch einer Entzugsklinik/Drogenambulanz),
  • Sucht fördernde Arbeitsbedingungen,
  • Grenzen eines verantwortungsvollen Umgangs damit wie auch mit Medikamenten,
  • gesundheitliche und soziale Risiken eines regelmäßigen oder missbräuchlichen Konsums von suchtbedingten Verhaltensweisen sowie
  • Beratungs- und Behandlungs-, Wiedereingliederungsmöglichkeiten bei Suchterkrankung (niedrigschwellig und bedarfsgerecht)
  • Frühzeitige Interventionsmöglichkeiten
  • Informationsveranstaltungen und Seminare zur Früherkennung und Gesprächsführung für Führungskräfte

Dieses kann im Rahmen regelmäßiger Unterweisungen, bei Auszubildenden als Themenschwerpunkt in der Einführungswoche (Einstellungsuntersuchung), im  Intranet oder Mitarbeiterzeitung, einem Gesundheitstag, „Suchtwoche“ erfolgen. Möglich wären auch die Gründung eines Arbeitskreises „Suchtprävention“ oder eine betriebliche Selbsthilfegruppe sowie die Inanspruchnahme externer Unterstützungsangebote.

Informationen und Hilfsprogramme für die Mitarbeiter

Die Informationen werden ergänzt durch Anregung und Anleitung Konsum reduzierender Verhaltensweisen, z.B. in (geförderten) Nichtrauchertrainings oder Programmen zur Reduzierung des Alkoholkonsums (Drink-Less- Programme) sowie Stressbewältigungs-, Selbst-, Konfliktmanagementangebote. Ziel ist die Stärkung der Gesundheitskompetenz aller Beschäftigten, ggf. deren Familienangehörigen, und Förderung der Einsicht sowie der Möglichkeiten gesundheitlich riskantes Verhalten zu vermeiden. Ziel wäre eine langfristige Veränderung der Konsumkultur.

Bei der Umsetzung kommen Führungskräften, betrieblichen Gesundheits- und Sozialberatern sowie den Betriebsärzten klar definierte Aufgaben und Rollen zu. Sie sollten einerseits mit gutem Beispiel vorangehen und die aufgestellten Regeln „vorleben“, andererseits aber auch auffällige Abweichungen erkennen und frühzeitig auf Beschäftigte zugehen, bei denen der Verdacht eines verstärkten Suchtmittelkonsums besteht.

Autor: Stefan Johannsen 

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