Fachbeitrag | Organisation und Dokumentation
12.01.2015

Schichtarbeit erträglicher gestalten

Wie bedrohlich auch für die geistige Gesundheit Schichtarbeit sein kann, zeigen die Ergebnisse einer französischen Studie: So nehmen bei Beschäftigten, die über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren im Schichtdienst tätig sind, die Gedächtnisleistung und das Denkvermögen deutlich schneller ab als bei nicht im Schichtbetrieb tätigen Arbeitnehmern. Die Schichtarbeiter hatten erheblich mehr Mühe beim Lösen komplexer Denkaufgaben und machten dabei eher und mehr Fehler.

Worker at milling machine in workshop.© lentolo /​ iStock /​ Thinkstock

Die Belastung von mehr als zehn Jahren Schichtarbeit entspricht laut Studie einem Alterungsprozess von zusätzlich sechseinhalb Jahren. Und nach dem Ausscheiden aus dem Schichtdienst dauere es mindestens fünf Jahre, bis sich Schichtarbeiter von den negativen gesundheitlichen und kognitiven Auswirkungen erholen.

Bei der Studie absolvierten die Probanden in den Jahren 1996, 2001 und 2006 mehrere Tests, bei denen ihr Lang- und Kurzzeitgedächtnis, ihre Reaktionsfähigkeit und ihre allgemeinen kognitiven Fähigkeiten getestet wurden. Dabei schnitten die Schichtarbeiter schlechter ab als ihre Kolleginnen und Kollegen mit geregelten Arbeitszeiten. Die Forscher betonen jedoch, dass die Ergebnisse noch in anderen Studien bestätigt werden müssten. Außerdem ließen sich die Aussagen aus der regional angelegten Studie nicht unbedingt global übertragen.

Dennoch bleibt jeder, der für Arbeit– und Gesundheitsschutz in den Betrieben Verantwortung trägt, aufgerufen, die Belastung für Schichtarbeiter systematisch zu vermindern – zumal schon die „rein körperlichen“ Gesundheitsgefahren gravierend genug und schon lange wissenschaftlich nachgewiesen sind.

„Gesündere“ Schichtarbeit durch ergonomische Schichtpläne

Schichtarbeiter sind körperlich und psychisch stärker belastet als Beschäftigte, die vorrangig in normalen Arbeitszeitmodellen tätig sind. Deshalb geht es Schichtarbeitern gesundheitlich häufig schlechter als Beschäftigten in den klassischen Nine-to-Five-Jobs. Um dem gesteigerten gesundheitlichen Risiko der Schichtarbeit zu begegnen, verlangt der Gesetzgeber in § 6 Abs. 1 ArbZG die Nacht- und Schichtarbeit nach arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen zu gestalten. Dies bedeutet die Schichtarbeit so zu arrangieren, dass sie den gesundheitlichen und sozialen Anforderungen entspricht. Dazu sollten die nachstehend aufgeführten Handlungsempfehlungen bei der Schichtplangestaltung umgesetzt werden.

Übersicht: Ergonomisches System zur Schichtarbeit

  • möglichst nicht mehr als drei aufeinanderfolgende Nachtschichten
  • Freizeitblock am Wochenende ist besser als einzelne freie Tage
  • möglichst 24 Stunden Freizeit nach einer Nachtschichtphase
  • mehr Freizeitausgleich statt Zuschläge
  • vorwärtsrotierende Schichtsysteme
  • Frühschichtstart nicht zu früh
  • Nachtschichtende nicht zu spät
  • weniger (Arbeitszeit) ist mehr (Leistung)
  • kurze Schichtdauer bei schwerer Arbeit
  • vorhersehbare und überschaubare Schichtpläne
  • zugunsten individueller Wünsche sollte auf starre Anfangszeiten verzichtet werden
  • Ruhezeiten zwischen Schichten sollen effektive Erholung ermöglichen
  • nicht zu viele Nachtschichten nacheinander

Daneben müssen auch tarifliche Vorgaben, betriebliche Belange und die individuellen Wünsche der Beschäftigten sowie die Besonderheiten des Alters bei Schichtarbeit berücksichtigt werden. Schichtplangestaltung ist also eine komplexe Angelegenheit die Arbeitgeber, Arbeitsschützer, Betriebsarzt und Betriebsrat am besten gemeinsam angehen sollten.

Nachtarbeiter unterliegen besonderem Schutz

Das Arbeitszeitgesetz enthält zahlreiche Vorschriften zum Schutz der Nachtarbeit, nicht aber zur Schichtarbeit im Allgemeinen. Nur in der Generalklausel des § 6 Abs. 1 ArbZG wird der Schichtarbeitnehmer explizit neben dem Nachtarbeiter erwähnt. Ansonsten gelten die Schutzvorschriften ausschließlich für Nachtarbeiter:

  • § 6 Abs. 1 ArbZG verpflichtet den Arbeitgeber, die Arbeitszeiten der Nacht- und Schichtarbeitnehmer nach den gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen (Medizin, Psychologie und Sozialwissenschaften) über die menschengerechte Gestaltung der Arbeit festzulegen.
  • § 6 Abs. 2 ArbZG beschränkt die tägliche Arbeitszeit von Nachtarbeitern auf acht Stunden, die jedoch auf zehn Stunden verlängert werden kann, wenn im Ausgleichszeitraum von einem Kalendermonat oder vier Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden.
  • § 6 Abs. 3 ArbZG gewährt Nachtarbeitern alle drei Jahre eine unentgeltliche arbeitsmedizinische Untersuchung. Ab dem 50. Lebensjahr können sie jedes Jahr eine ärztliche Untersuchung vom Arbeitgeber verlangen.
  • Nach § 6 Abs. 4 ArbZG können Nachtarbeiter, deren Gesundheit durch Nachtarbeit nachweislich gefährdet ist sowie Nachtarbeiter mit Familienpflichten vom Arbeitgeber verlangen, auf einen Tagesarbeitsplatz umgesetzt zu werden.
  • Gemäß § 6 Abs. 5 ArbZG ist der Arbeitgeber verpflichtet, den Nachtarbeitern für die Nachtarbeit eine angemessene Zahl freier Arbeitstage oder einen angemessenen Zuschlag zu gewähren.
  • § 6 Abs. 6 ArbZG stellt sicher, dass Nachtarbeiter den gleichen Zugang zur betrieblichen Weiterbildung und zu aufstiegsfördernden Maßnahmen haben wie ihre nicht im Schichtdienst tätigen Kollegen.

Nachtarbeiter können arbeitsmedizinische Untersuchung verlangen

Um einer drohenden Gesundheitsgefährdung durch Nachtarbeit möglichst vorzubeugen, räumt der Gesetzgeber Nachtarbeitern vor Aufnahme der Nachtarbeit in § 6 Abs. 3 ArbZG einen Anspruch auf arbeitsmedizinische Untersuchung ein. Der Arbeitgeber ist allerdings nicht verpflichtet, den Nachtarbeitern die Gesundheitsuntersuchung von sich aus anzubieten, es ist Sache jedes einzelnen Arbeitnehmers, selbst aktiv zu werden und die Untersuchung einzufordern.

Autor: Markus Horn

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