Fachbeitrag | Informieren und Recht
12.01.2015

Psychologische Erstversorgung nach Arbeitsunfällen

Beteiligte an schweren Unfällen oder auch Unfallzeugen und Helfer haben ein lebensbedrohliches, außergewöhnliches Erlebnis gehabt, über das sie keinerlei Kontrolle oder Eingriffsmöglichkeiten hatten.

© Mihajlo Maricic /​ iStock /​ Thinkstock

Bei derartigen „emotionalen Erschütterungen“  handelt es sich um extreme Stresssituationen, die beispielsweise nach Verkehrsunfällen (LKW-/Staplerfahrer, Lokführer), Abstürzen (Gerüst) oder auch Raubüberfällen sowie plötzlichen Krankheitsereignissen (Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen) auftreten können.

Neben körperlichen Beschwerden treten bei den Betroffenen auch seelische Wunden auf, die durch die traumatischen Unfallereignisse ausgelöst werden können und psychologischer Soforthilfe bedürfen. Diese wird insbesondere durch Ansprechpartner für die psychologische Soforthilfe bei ihrer zuständigen Berufsgenossenschaft gewährleistet.

Wichtig ist, dass die Betroffenen die Möglichkeit haben, sich unmittelbar im Anschluss an dieses Ereignis vertrauensvollen Personen mitteilen können.

Es ist erforderlich, möglichst zeitnah Schritt für Schritt die Ängste zu bewältigen, die durch dieses traumatische Erlebnis hervorgerufen werden, um die Arbeitsfähigkeit so weit wie möglich wieder herzustellen und chronische Langzeitbeschwerden, -erkrankungen zu vermeiden.

In einer ambulanten oder stationären Betreuungsphase kann das Ausmaß des Traumas festgestellt und die Verarbeitung des Traumas professionell im Rahmen eines bewährten Konzeptes erfolgen.

Der/Die Betroffenen werden emotional stabilisiert, Selbstheilungskräfte unterstützt, das Selbstbewusstsein gestärkt, so dass sie wieder an ihre berufliche Tätigkeit herangeführt werden können.

Welche Folgen treten auf?

Unmittelbar nach einem Trauma entsteht eine Phase in der infolge eines Schockzustandes ein Kontrollverlust auftritt, in dem der Betroffene, ggf. Zeugen sich nicht in der Lage fühlen, ihre Tätigkeiten weiter auszuüben. Extreme Gefühle von Hilflosigkeit und intensivste Angst begleiten diese Phase Körperliche und geistige Funktionen des menschlichen Organismus werden beeinträchtigt. Erinnerungsblitze, Angstzustände, Wein- und Panikanfälle, Schreckhaftigkeit, Lärm- und Lichtempfindlichkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Sprach- und Denkstörungen, Rückzug und Schweigen sind Anzeichen für eine mögliche Traumatisierung.

Bleiben diese Reaktionen der ersten Traumamomente über Monate bestehen, besteht die Gefahr, dass sie chronisch werden. Posttraumatische Belastungsstörungen können dann als Folge die Arbeitsfähigkeit massiv beeinträchtigen.

Deshalb darf der/die Betroffene nicht alleingelassen werden. Eine schnellstmögliche Behandlung ist einzuleiten. Dazu sind die entsprechenden Ansprechpartner in den Alarmplan mit aufzunehmen.

Umgang mit Betroffenen

  • Schaffen Sie für den Betroffenen einen Rahmen, in dem er sich auf die Genesung konzentrieren kann.
  • Gelingt es, den Versicherten schnelle und kompetente Hilfe zukommen zu lassen, ist die Prognose zur Heilung gut.
  • Bleiben Sie bei dem Betroffenen, bei Bedarf Angehörigen in Kontakt.
  • Auch den Unfallzeugen sollte eine psychologische Soforthilfe zugesprochen werden.

Was sollte der Arbeitgeber beachten?

Als Unternehmer sollten sie sich der Verantwortung für Ihre Mitarbeiter bewusst sein und einem verunfallten Mitarbeiter/in die notwendige Unterstützung zukommen lassen.
Für Unternehmen gibt es Hilfe und Unterstützung nach einem Arbeitsunfall. Wenden Sie sich diesbezüglich an

  • die zuständige Berufsgenossenschaft
  • das zuständige Integrationsamt
  • das zuständige Gewerbeaufsichtsamt

Klären Sie gemeinsam, was für eine Wiedereingliederung und Weiterbeschäftigung für beide Seiten notwendig und machbar ist.

Denken Sie daran:

  • Als Unternehmer sind Sie verpflichtet, innerhalb von drei Werktagen dem Unfallversicherungsträger und dem zuständigen Gewerbeaufsichtsamt alle Unfälle zu melden, bei denen der Betroffene mehr als drei Kalendertage arbeitsunfähig ist.
  • Ebenso müssen Sie als Arbeitgeber darauf hinweisen, dass der Verletzte einen Durchgangsarzt aufsuchen muss, wenn nach dem Arbeitsunfall mit einer Arbeitsunfähigkeit  zu rechnen ist.
  • Im Hinblick auf die Entstehung traumatischer Ereignisse sind in der Gefährdungsbeurteilung Gefahren zu analysieren, Maßnahmen von der Prävention bis zur Wiedereingliederung festzulegen und eine Wirksamkeitskontrolle regelmäßig durchzuführen.
  • Eine Abstimmung mit dem Betriebsarzt sowie ihrer Fachkraft für Arbeitssicherheit und Sicherheitsbeauftragten zur Vorgehensweise bei traumatischen Erlebnissen ist unbedingt anzuraten.

Weitere Tipps für Arbeitgeber

  • Machen Sie deutlich, dass psychische Gefährdungen gleichwertig neben körperlichen Gefährdungen stehen.
  • Sorgen Sie dafür, dass (auch leichtere) Vorkommnisse erfasst und ausgewertet werden.
  • Stellen Sie fest, welche Maßnahmen Sie leisten können und welche der Unterstützung bedürfen.
  • Informieren Sie sich bei anderen Unternehmen über  Erfahrungen, mögliche Maßnahmen und  nutzen Sie good-practice-Datenbanken.
  • Erstellen Sie einen für alle zugänglichen Notfall-/Alarmplan mit Zuständigkeiten und Ansprechpartnern.
  • Bilden Sie ein Notfallteam.
  • Führen Sie regelmäßig und lückenlos Unterweisungen/Schulungen durch und dokumentieren Sie diese.
  • Klären Sie in Absprache mit dem zuständigen Unfallversicherungsträger eine Unterstützung bei der schrittweisen Rückkehr in die Arbeit.
  • Sensibilisieren Sie auch Ihre Führungskräfte über Gefährdungen durch traumatisierende Ereignisse!
  • Schaffen Sie Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch innerhalb des Unternehmens! (z.B. Arbeitskreis)
  • Betriebsbeschreibungen, Betriebsanweisungen von technischen Geräten müssen an geeigneten Stellen ggf. in mehreren Sprachen einsehbar sein.
  • Bieten Sie aktiv Erst-Helfer, Brandschutzhelfer– Fortbildungen an und sorgen Sie dafür, dass möglichst in jeder Schicht mindestens ein Erst-Helfer und Brandschutzhelfer vor Ort und im Erste-Hilfe-Aushang angegeben ist.
  • Verbandbücher und Erste-Hilfe Material sind konsequent zu nutzen und auf dem aktuellen Stand zu halten, verbrauchtes Material umgehend zu ersetzen.
  • Bindemittel für ausgetretene Flüssigkeiten, Flex-Absperrband, Feuerlöscher, Rauchmelder, ggf. Fluchtretter, erforderliche persönliche Schutzausrüstung sollten immer geprüft und in ausreichendem Maße  vorhanden, Brandlasten aus Flucht- und   Rettungswegen entfernt worden sein.
  • Rettungsübungen, Sammelplätze in Absprache mit der ortansässigen Feuerwehr sind regelmäßig abzustimmen. Dabei hilfreich ist, wenn die Feuerwehr vorab schon Einblick in das Gefahrstoffverzeichnis hat (Sicherheitsdatenblätter sollten in deutscher Sprache vorliegen.)
  • Passen Sie ihr technisches Eqipment und ihre Schulungen an  (z.B. Notfalltelefon, Defibrillator).
  • Achten Sie darauf, dass alle erforderlichen arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen und Arbeitsmittelprüfungen auf dem aktuellen Stand sind.
  • Bedenken Sie unbedingt, dass die Überschreitung von gesetzlich vorgegebenen Tageshöchstarbeitszeiten (8 Stunden bis max. 10 Stunden bei Gewährung eines finanziellen oder zeitlichen Ausgleichs innerhalb von 6 Kalendermonaten oder 24 Wochen)    bzw. die Unterschreitung von Ruhezeiten, die Nichteinhaltung gesetzlich vorgegebener Pausenzeiten das Unfallrisiko erhöhen und mit in die Unfallbewertung einfließen.
  • Betriebsbeschreibungen, Unterweisungsnachweise, Betriebsanweisungen, Prüfbücher, Prüfprotokolle, Wartungsberichte, Erlaubnisse, Beauftragungen, Sachkunde-, Arbeitszeitnachweise sowie die Gefährdungsbeurteilung, erforderlichenfalls Explosionsschutzdokument und Gefahrstoffverzeichnis werden in aller Regel nach schwereren Unfällen überprüft.
  • Nach einem Unfall ist die Gefährdungsbeurteilung zu aktualisieren und ggf. aus dem Ereignis Konsequenzen abzuleiten, Nachschulungen ggf. Arbeitsmittelstilllegung und -prüfung zu veranlassen. Dieses sollte in der nächsten ASA-Sitzung bzw. Sicherheitsunterweisung thematisiert werden.
Autor: Stefan Johannsen

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