22.11.2021

Psychischen Belastungen durch Corona entgegenwirken

Durch die Coronapandemie hat sich der Alltag vieler Menschen stark verändert. Führungskräfte und Arbeitsschützer fragen sich, wie über den Infektionsschutz hinweg die psychische Gesundheit der Beschäftigten in dieser Krise geschützt werden kann. Dieser Artikel will Anregungen und Orientierung für Schutzmaßnahmen geben und aufzeigen, wie Betriebe die psychische Gesundheit ihrer Beschäftigten in dieser schwierigen Zeit stärken können.

helfende hand bei psychischen belastungen durch die Coronakrise

Beschäftigte sehen sich in der Coronapandemie vor psychische Herausforderungen gestellt wie:

  1. die Neu- und Umgestaltung von Arbeitsabläufen im Betrieb selbst
  2. die Umstellung auf das Arbeiten von zu Hause aus
  3. damit oft verbunden: die verstärkte soziale Isolation
  4. die emotionale Inanspruchnahme durch Sorgen um Angehörige und um die wirtschaftliche Existenz
  5. Angst vor einer Infektion

Wenn solche und andere psychische Belastungen länger andauern, können Mitarbeiter langfristig durch Angststörungen oder depressive Erkrankungen arbeitsunfähig werden.

Ob aus psychischen Belastungen eine psychische Erkrankung entstehen kann, hängt generell auch davon ab, über welche Ressourcen ein Beschäftigter verfügt – sowohl interne Ressourcen, die in ihm selbst ruhen, als auch Ressourcen, die der Betrieb zur Verfügung stellt. Und gerade bei Letzterem kann der Arbeitsschutz aktiv werden!

Unternehmen können dabei die Mitarbeiter direkt unterstützen oder sie zeigen ihnen Wege auf, wie sie sich selbst psychisch stärken können. Führungskräfte spielen dabei eine zentrale Rolle. Denn sie kennen Mitarbeiter und deren jeweilige Situation am besten. Es ist deshalb wichtig, Führungskräfte für mögliche psychische Belastungen zu sensibilisieren und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Was also können Betriebe ganz konkret für ihre Beschäftigten tun?

Hilfe bei der Neu- und Umgestaltung von Arbeitsabläufen

Offen kommunizieren und interagieren

Neue Arbeitsabläufe bedeuten auch immer: Unsicherheit. Hier hilft, wie so oft, eine klare Kommunikation. Vorgesetzte sollten immer Hintergründe und Ziele von veränderten Arbeitsabläufen transparent machen. Hilfreich ist es auch, Kollegen in die Umgestaltung einzubinden und regelmäßig nachzufragen, wie sie zurechtkommen oder was sie sich an Unterstützung wünschen würden. Auch wenn es nicht für alles eine Lösung gibt: Es hilft bereits, im Gespräch zu bleiben und in der regelmäßigen Kontaktaufnahme Anerkennung und Wertschätzung zu zeigen.

Qualifikationen berücksichtigen

Oft verbunden mit neuen Aufgaben oder Abläufen ist die Frage: „Kann ich das überhaupt? Führungskräfte sollten klar kommunizieren, dass die Kollegen bei der Suche nach Lösungen für neue Probleme nicht allein sind, sondern immer ein offenes Ohr bei ihnen finden. Auch Patenschaften können hier helfen sowie, dass Führungskräfte ausreichend Zeit für die wichtigen Ein- und Unterweisungen einplanen.

Feste Strukturen helfen

Feste Strukturen helfen immer, gerade wenn das Gefühl vorherrscht, dass um einen herum alles unsicherer wird. Nach Möglichkeit sollen die Beschäftigten für jeden Tag einen Plan erhalten bzw. selbst erstellen, nach dem sie ihre Aufgaben abarbeiten.

Schutzmaßnahmen gegen psychische Fehlbelastungen im Homeoffice

Homeoffice mit Kleinkindern

Viele Mitarbeiter haben nach eineinhalb Jahren Pandemie schon mehr oder weniger gute Möglichkeiten gefunden, Arbeit und Familienleben auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Führungskräfte können aber den Austausch über erfolgreiche und weniger erfolgreiche Maßnahmen zu Hause systematisieren. Der Betrieb kann seinen Beschäftigten auch mit flexiblen Arbeitszeiten oder Aufgaben entgegenkommen. Eine Möglichkeit wäre es zudem, Büroräume in der Nähe der Wohnung anzumieten, damit die Mitarbeiter zumindest stundenweise die Möglichkeit haben, in Ruhe ihren Tätigkeiten nachzukommen.

Hinweis

Viele weitere wertvolle Tipps für den Umgang mit Kindern im Homeoffice gibt es unter: www.kika.de

Arbeitszeit und Erreichbarkeit

Sensibilisieren Sie Führungskräfte, Mitarbeiter nicht in ihrer Freizeit zu kontaktieren und die Kontaktaufnahme am besten über festgelegte Terminserien zu organisieren. Beraten Sie mit den Führungskräften, ob es feste Arbeitsphasen mit und ohne Kontaktaufnahmen geben kann. So können Sie z.B. vereinbaren, dass jeden Morgen eines Arbeitstags zwischen 8 und 9 Uhr alle Arbeitsaufträge für den Tag besprochen werden. Was dann noch im Verlauf des Tags kommt, wird erst am nächsten Morgen kommuniziert.

Pausenerleben stärken

Im Homeoffice werden Pausen nicht selten dazu benutzt, private Aufgaben im Haushalt „mal schnell“ zu erledigen. Dies beeinträchtigt die notwendige Erholung und begünstigt das Empfinden, ununterbrochen unter Stress zu stehen.

Regen Sie deshalb an, dass die Beschäftigten zumindest einen Teil der Pause für etwas nutzen, was ihnen guttut. Es ist vollkommen in Ordnung, sich in der Pause hinzulegen und sich auszuruhen. Der Nachteil dabei ist oft, dass sich die Gedanken weiter um das nächste Meeting oder um andere Arbeitsinhalte drehen und der Erholungseffekt gering bleibt. Deshalb kann es sinnvoll sein, die Pausen aktiv zu gestalten. Das kann eine kleine Meditation sein, Musik oder ein Buch. Positiv ist es sicher auch, die Pausen für Yoga & Co. zu nutzen.

Zu einer guten Pausenregelung im Homeoffice gehört es auch, dass von Mitarbeitern nicht erwartet wird, dass sie trotz Pause verfügbar sind. Mitarbeiter wiederum sollten Pausen vor Störungen abschirmen. Wer erst dann eine Pause plant, wenn sie beginnt, wird sie selten gut nutzen können. Deshalb sollten Mitarbeiter Pausen – so wie auch die Arbeitszeit – ausdrücklich planen.

Im Beitrag „Pausen im Homeoffice: 9 Tipps für richtig gute Erholung“ lesen Sie mehr zum Thema.

Bewegung tut gut

Beschäftigte im Homeoffice sind durchschnittlich wesentlich weniger in Bewegung als Kollegen, die im Betrieb tätig sind. Telemitarbeiter sollten versuchen, täglich mindestens einmal die Wohnung zu verlassen, um Eindrücke von außerhalb zu erhalten. Positiv wirkt sich dabei jede Form von Bewegung (Spaziergänge, Joggen) aus.

Auch während der Arbeitszeit können Beschäftigte für Bewegung sorgen. Mit höhenverstellbaren Schreibtischen lassen sich Sitzphasen durch Stehphasen ersetzen. Bei statischen Schreibtischen sollten die Beschäftigten einmal pro Stunde die Beine „ausschütteln“ oder im Raum umhergehen.

Verstärkte soziale Isolation

Teambesprechungen und andere Angebote, mit denen sich Beschäftigte integriert und aufgehoben fühlen, sollten verstärkt und regelmäßig stattfinden:

  • Führungskräfte können z.B. anregen, dass die Mitarbeiter einmal in der Woche ein Meeting ohne Führungskraft abhalten. Dadurch wird das Gefühl, Teil des Teams zu sein, gestärkt.
  • Mitarbeiter können auch (virtuelle) „Teeküchen“-Gespräche in der Mittagspause organisieren.
  • Am Anfang von Meetings oder jeder Kommunikation können Führungskräfte aktiv „Small Talk“ einplanen.
  • Führungskräfte sollten mindestens einmal monatlich einen persönlichen Jour fixe abhalten, in dem Belastendes geäußert werden kann und auch Gehör findet.

Emotionale Entlastung schaffen

Psychisches Wohlergehen stärken

Eng mit der sozialen Isolation verbunden ist der emotionale Stress, dem Menschen in der Coronakrise ausgesetzt sind. Auch hier hilft die soziale Interaktion mit Freunden und Kollegen, und sei sie auch nur digital. Außerdem laden Sport und Bewegung den eigenen Akku wieder auf. Wer sich um sich und den eigenen Körper kümmert, ist auch emotional stabiler und fühlt sich wortwörtlich stärker.

Allerdings bringt es wenig, wenn Führungskräfte bei jeder Gelegenheit „Mach doch mal Sport“ oder „Geh mal wieder unter die Leute“ sagen. Die meisten Kollegen können das auf diese Weise nicht annehmen. Manchmal wirkt es sogar kontraproduktiv, weil es bei den Betroffenen ein Gefühl der Inkompetenz erzeugt. Besser ist es stattdessen, Hinweise unterschwellig weiterzugeben, z.B. über Berichte von Kollegen, die begonnen haben, regelmäßig zu joggen, oder über die Mitteilung, dass ein Bekannter die Beschränkungen der Coronazeit nutzt, alte Freundschaften und Bekanntschaften durch Telefonate aufzufrischen.

Beratungsangebote etablieren

Mitarbeiter sollten für technische, organisatorische, aber auch speziell für psychische Themen Beratungsstellen genannt bekommen. Diese Beratungen können betriebsintern gelöst werden. Häufig ist bei spezifisch psychischen Themen jedoch das Vertrauen in externe Stellen ohne Bezug zum Unternehmen größer.

Mit der Angst um den Arbeitsplatz umgehen

Fragen danach, wie es in Zukunft beruflich weitergeht (gerade auch in den von der Krise besonders betroffenen Branchen), sollten offen angesprochen werden. Hier hilft es, sich diesen Ängsten zu stellen. Gerade Führungskräfte sind aufgerufen, ihr Team regelmäßig und zeitnah über den aktuellen Stand im Betrieb zu informieren. Darüber hinaus sollten sie möglichst häufig für Einzelgespräche zur Verfügung stehen.

Angst vor Ansteckung minimieren

Jeder Betrieb kann durch die weiterhin konsequente Durchsetzung der Infektionsschutzmaßnahmen und Verhaltensregeln dafür sorgen, dass sich seine Mitarbeiter geschützt fühlen. Dabei sollten Verantwortliche immer klare Signale an die Mitarbeiter senden und versuchen ihnen ihre Befürchtungen zu nehmen.

Mehr darüber, wie Betriebe mit der Angst vor Ansteckung umgehen können, lesen Sie im Beitrag: Coronavirus: So fühlen sich Ihre Mitarbeiter geschützt.

Autoren: Martin Buttenmüller (Martin Buttenmüller ist Autor und Chefredakteur des Fachmagazins Arbeitsschutz-Profi AKTUELL), WEKA Redaktion