04.04.2021

Psychische Gefährdungen am Arbeitsplatz

Psychische Gefährdungen am Arbeitsplatz und daraus folgende Erkrankungen werden für den Arbeitsschutz immer wichtiger – das zeigen die Daten der gesetzlichen Krankenkassen: Seit Jahrzehnten steigt die Zahl der beruflichen Fehltage aufgrund psychischer Probleme an. Doch wann werden psychische Gefährdungen zu negativen psychischen Belastungen und ab wann ist die psychische Gesundheit ernsthaft in Gefahr?

Arbeitnehmer lehnt an einer Wand. In seinem Gesicht zeichnen sich große psychische Belastungen am Arbeitsplatz ab.

Alle Arbeitgeber sind in der Pflicht, Arbeitsplätze auf potenzielle psychische Gefährdungen zu untersuchen, unabhängig von ihrer Betriebsgröße und bereits ab dem ersten Mitarbeitenden. Psychische Gefährdungen am Arbeitsplatz ergeben sich unmittelbar aus den Belastungen, die ein Mensch dort erfährt.

Definition psychische Belastungen am Arbeitsplatz

Psychische Belastungen am Arbeitsplatz definiert die DIN EN ISO 10075-1 als Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken. Das bedeutet, dass psychische Belastungen zu der Wechselwirkung zwischen Umwelt und menschlicher Psyche gehören und nicht etwa bereits ein Gesundheitsrisiko darstellen, wie dies im allgemeinen Sprachgebrauch oft beschrieben wird.

Umgangssprachlich jedoch meint psychische Belastung am Arbeitsplatz alle negativ erlebten Anforderungen durch die Arbeit und am Arbeitsplatz: ”Das belastet mich.“

Was ist der Unterschied zwischen psychischer Belastung und psychischer Beanspruchung?

Der Unterschied zwischen psychischer Belastung und psychischer Beanspruchung ist ganz wesentlich. Die Akteure der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA), die für die Leitlinien psychische Gefährdungsbeurteilung verantwortlich sind,  werden daher nicht müde, diesen Unterschied immer wieder aufs Neue klar zu stellen.

Im Gegensatz zur psychischen Belastung (alle Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen – siehe oben) meint die psychische Beanspruchung die unmittelbare (nicht die langfristige) Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum. Sie kann sich entsprechend der aktuellen Verfassung, biografischen und biologischen Prägungen sowie individuellen Bewältigungsstrategien positiv oder negativ auf das Verarbeiten einer psychisch belastenden Situation auswirken.

Beispiel für den Unterschied zwischen psychischer Belastung und Beanspruchung

Eine schwere Last wird in eine Schubkarre gelegt. Diese Belastung beansprucht den Menschen, der die Schubkarre schieben soll, und führt je nach körperlicher Konstitution ggf. zur Fehlbeanspruchung. Während die  Belastung (das Gewicht der Schubkarre) also für jeden Mitarbeiter gleich hoch ist, kann die Beanspruchung je nach körperlicher Konstitution (z.B. Größe, Gewicht, körperliche Fitness, Muskel-Skelett-Probleme) äußerst unterschiedlich ausfallen.

Die im betrieblichen Kontext entscheidende Variable ist nach Maßgabe der GDA also die psychische Belastung – der Wert, der unabhängig von der individuellen Vorbedingung (wie zum Beispiel Pendeln, private Probleme, Resilienz o.ä.) für alle Mitarbeiter gleich ist.

Welche psychischen Gefährdungen und Belastungsfaktoren am Arbeitsplatz gibt es?

Um betriebliche Belastungsfaktoren zu erfassen, die häufig zur Fehlbeanspruchung von Beschäftigten führen, bietet es sich an, diese aufzuteilen in Arbeitsaufgabe, Arbeitsorganisation, physische Arbeitsumgebung und psychosoziale Arbeitsumgebung (Tab. 1) (vgl. GDA ”Leitlinie Beratung und Überwachung bei psychischer Belastung am Arbeitsplatz“).

Potenziell psychisch belastend können u.a. folgende Faktoren sein:

Arbeitsaufgabe Arbeitsorganisation Physische Arbeitsumgebung Psychosoziale Arbeitsumgebung
  • Arbeitsmenge
  • Zeitdruck
  • Komplexität
  • Dynamik
  • Vollständigkeit der Aufgabe
  • Tätigkeitswechsel (häufig, selten)
  • Daueraufmerksamkeit
  • Dauererreichbarkeit
  • Rolle (Überforderung, Unterforderung, Uneindeutigkeit)
  • Zeitdruck
  • Kommunikation (eindeutig, uneindeutig)
  • Arbeitszeiten
  • Schichtarbeit, Rufbereitschaft, Wochenendarbeit
  • Pausenregelung
  • Unterbrechungen
  • Planbarkeit
  • Aufgabenverteilung, Beteiligung
  • Zusammenarbeit
  • Informationsfluss
  • fehlendes Material
  • Technik
  • Wertschätzung, Anerkennung
  • Handlungs-, Entscheidungsspielraum
  • Entwicklungsmöglichkeiten
  • Führungsverhalten
  • unfaire Behandlung
  • Konkurrenz
  • Kollegen
  • Konflikte, Mobbing
  • Emotionsarbeit
  • Über-/Unterbelegung
  • befristete Beschäftigung
  • Arbeit & Privatleben

Je nach Arbeitsplatz können weitere psychische Belastungsfaktoren hinzukommen. Welche Faktoren in einem Betrieb oder Unternehmen als belastend (bzw. fehlbeanspruchend) erlebt werden können, kann und soll nach §§ 5 und 6 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) im Rahmen einer psychischen Gefährdungsbeurteilung systematisch ermittelt werden, um anschließend Maßnahmen zu entwickeln, die helfen, die vorhandenen Belastungen zu vermeiden oder zumindest so weit wie möglich zu reduzieren.

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Wann psychische Belastung am Arbeitsplatz schädlich wird

Psychische Belastungen am Arbeitsplatz können und sollen nicht gänzlich vermieden werden. Sie können anregen, aktivieren und motivieren. Sie können aber auch Stressreaktionen und Erschöpfung hervorrufen und eine psychische Erkrankung (mit)auslösen.

In jedem Unternehmen und an jedem Arbeitsplatz gibt es Arbeitsphasen, in denen die Belastungen hoch sind wie z.B. die Jahresendproduktion oder die Fertigstellung eines wichtigen Auftrags. Gute individuelle Ressourcen sowie eine gute Entspannungs- und Erholungsfähigkeit am Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub reichen dann aus, die individuelle Arbeitsfähigkeit dauerhaft zu erhalten – sofern hoch belastenden Arbeitsphasen Phasen relativer Arbeitsentspannung folgen.

Ist die Beanspruchung der Beschäftigten durch die Arbeit über einen längeren Zeitraum hinweg sehr hoch, wirkt sich die Belastung in der Regel nachteilig auf die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten aus: Gesundheit, Motivation und Leistungsfähigkeit werden gemindert und die Produktivität lässt nach.

Schädlich für den Menschen werden psychische – wie auch physische – Belastungen dann, wenn sie dauerhaft anhalten und nach und nach mehr mentale und körperliche Reserven aufbrauchen, als positive Ressourcen am Arbeitsplatz oder auch im privaten Umfeld regenerieren können: Dauerhafter Stress macht krank.

Ein wichtiges Kriterium für die Arbeitsfähigkeit ist die Bewältigung der Arbeit: Haben Beschäftigte dauerhaft den Eindruck, ihre Arbeit nicht mehr bewältigen zu können, dann besteht mittel- und langfristig das Risiko einer beruflichen Erschöpfung bis hin zum sogenannten Burnout-Syndrom und psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen.

Folgen von zu hohen psychischen Belastungen am Arbeitsplatz

Typische Alarmsignale für eine überlastete Psyche bei Mitarbeitern können sein: Sie fühlen sich unwohl, sind nervös, angespannt und schnell müde. Die Konzentration leidet, Angstzustände, Motivations- und Antriebslosigkeit nehmen zu. Sind Menschen über längere Zeit negativen psychischen Belastungen ausgesetzt, können Depressionen, erhöhter Blutdruck, anhaltende erhöhte Muskelspannung mit Rücken- oder Nackenproblemen sowie Organschädigungen (Magengeschwür, Herzinfarkt, Schlaganfall) auftreten.

Auch Unternehmen als Ganzes bekommen die Folgen zu spüren: Die Arbeitsleistung von Mitarbeitern an der Belastungsgrenze sinkt, die Qualität der Arbeit nimmt ab, es kommt häufiger zu Fehlzeiten und sozialen Probleme im Team. Kurz: Jedes Unternehmen profitiert von gesunden, zufriedenen und motivierten Mitarbeitern.

Besondere Risikokonstellationen am Arbeitsplatz

Eine besondere betriebliche Risikokonstellation für psychische Fehlbeanspruchungen mit der potenziellen Folge einer psychischen Erkrankung besteht, wenn folgende drei Faktoren aufeinandertreffen:

  1. hohe Arbeitsdichte, hohe Anforderung
  2. geringe Wertschätzung, geringer Handlungsspielraum, sich nicht einbringen können, wenig soziale Unterstützung
  3. hohe Verausgabungsbereitschaft, starke Identifikation mit der Tätigkeit, hohe Ansprüche an sich selbst, hohe Resignationstendenz

Jede vorhandene psychische Belastung am Arbeitsplatz trifft immer auf die individuellen Voraussetzungen und Bewältigungsstrategien einzelner Mitarbeiter. Wann sie zur Fehlbeanspruchung mit dem Risiko einer psychischen Erkrankung wird, ist individuell sehr unterschiedlich.

Dennoch ist es wichtig zu wissen, dass bei der Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung niemals das subjektive Erleben der Beschäftigten bezüglich der Arbeitsbedingungen erfasst werden kann und soll. Es sind immer nur die objektiven Belastungsfaktoren, die im betrieblichen Alltag beobachtet und auch verbessert werden können.

Welche psychischen Gefährdungen müssen in der  Coronavirus-Pandemie beachtet werden?

Beschäftigte und Unternehmer sehen sich in der Corona-Pandemie vor besonders große psychische Herausforderungen gestellt wie

  • der Neu- und Umgestaltung von Arbeitsplätzen und Arbeitsabläufen im Betrieb selbst
  • der emotionalen Inanspruchnahme durch Sorgen um Angehörige oder um die wirtschaftliche Existenz
  • der Umstellung auf das Arbeiten von zu Hause aus
  • der verstärkten sozialen Isolation
  • oder der Angst vor einer Infektion.

Erschwerend kommt hinzu: Viele Eckpfeiler der „neuen Normalität“ bringen verringerte soziale Kontakte und schwierige Kommunikationsmöglichkeiten mit sich. Hier sind Führungskräfte genauso wie Interessenvertreter aufgerufen, so gut wie möglich im Kontakt zu bleiben. Dabei helfen feste und regelmäßige Gesprächstermine – egal ob persönlich (falls möglich) oder per Telefon oder Computer.

Besonders wichtig ist natürlich auch, dass die Beschäftigten sich an ihrem Arbeitsplatz ausreichend sicher fühlen. Hilfe und Hinweise dazu finden Sie im Beitrag „Coronavirus: So fühlen sich Ihre Mitarbeiter vor COVID-19 geschützt„.

Psychische Gefährdungen am Arbeitsplatz reduzieren

Wenn mögliche psychische Fehlbelastungen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung erkannt wurden, sollten entsprechende Maßnahmen zum Schutz vor psychischen Belastungen entwickelt werden, um diese Fehlbelastungen zu vermeiden – passend zur spezifischen Situation im Unternehmen und passend für den jeweiligen Mitarbeiter und Arbeitsplatz.

Psychische Fehlbelastungen zu vermeiden gehört zu den Maßnahmen der Gesundheitsprävention am Arbeitsplatz und sollte als Führungsaufgabe verstanden werden. Nicht nur der einzelne Mitarbeiter profitiert von einem Stressabbau am Arbeitsplatz, sondern die Wirtschaftskraft des ganzen Unternehmens. Der Betriebsarzt und die Fachkraft für Arbeitssicherheit können die Führungskräfte bei der Vermeidung psychischer Fehlbelastungen beraten.

Autor: Carsten Burfeind