24.01.2012

Psychische Belastungen am Arbeitsplatz: Die Regelungslücke schließen

Psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch: Sie bilden den Hauptgrund für die Frührente und verursachen lange Fehlzeiten. Im Arbeitsschutzgesetz besteht hier jedoch eine Regelungslücke.

Das hat die IG Metall im August 2011 in ihrer Studie „Regelungslücke psychische Belastungen schließen“ festgestellt. In der Schließung dieser Regelungslücke sieht die Gewerkschaft eine der wichtigsten Aufgaben für den Arbeitsschutz.

Psychische Belastungen am Arbeitsplatz nehmen zu

Häufige Auslöser dieser Erkrankungen sind psychische Belastungen am Arbeitsplatz – in erster Linie Stress –, die in den letzten Jahren stark zugenommen haben.

Zwar hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt nach der Krise 2009 wieder entspannt, doch von den Arbeitsbedingungen kann man das nicht behaupten. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung hat bei einer Befragung von Betriebsräten herausgefunden, dass es in 84 % der deutschen Betriebe Mitarbeiter gibt, die ständig unter hohem Zeit- und Leistungsdruck arbeiten – und zwar rund 43 % der Belegschaft.

Belastende Arbeitsbedingungen

Neben einer hohen Arbeitsbelastung leiden viele Arbeitnehmer unter langen und nicht planbaren Arbeitszeiten, zunehmender Schicht- und Nachtarbeit, Arbeitsplatzunsicherheit, mangelnder Anerkennung und häufigen Umstrukturierungen im Betrieb. Das kann auf die Dauer nicht gesund sein.

Krankenstand wegen psychischer Belastungen auf Rekordniveau

In ihrem Gesundheitsreport 2011 spricht die Krankenkasse DAK von einem „Rekordniveau“ bei psychischen Erkrankungen. Binnen eines Jahres nahmen die Krankentage aufgrund psychischer Erkrankungen um 13,5 % zu. Mit einem Anteil von 37 % bilden psychische Störungen die Hauptursache für eine Frühverrentung.

Psychische Erkrankungen kosten Milliarden

Psychische Erkrankungen sind jedoch nicht nur für die Betroffenen selbst eine Katastrophe, sondern belasten auch das Gesundheitssystem und die Volkswirtschaft. Für die IG Metall ermittelten der Epidemiologe Dr. Wolgang Bödeker und der Mathematiker Michael Friedrichs, dass arbeitsbedingte psychische Störungen direkte Kosten von 3,3 Milliarden Euro verursachen. Dazu kommen indirekte Kosten, wie zum Beispiel Produktionsausfälle, von 3,3 Milliarden Euro.

Den Krankenkassen macht hier vor allem das Krankengeld zu schaffen, das sie Arbeitnehmern zahlen müssen, die länger als sechs Wochen krank sind – und das ist bei Depressionen oder Burn-out keine Seltenheit.

Die EU-Sozialpartnervereinbarung gegen Stress am Arbeitsplatz

Wie gefährlich Stress sein kann, ist allgemein bekannt. Neben psychischen Störungen begünstigt er auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rückenschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden. Um diese negativen Folgen von Stress einzudämmen, gibt es seit 2004 eine europäische Sozialvereinbarung zu Stress am Arbeitsplatz. Sie ist jedoch freiwillig und hat keinen verpflichtenden Charakter.

Deutschland ist Schlusslicht in Europa

In immerhin 13 EU-Mitgliedsstaaten gab es daraufhin gesetzliche Regelungen zur Verminderung von Stress am Arbeitsplatz – nicht aber in Deutschland. Hier besteht dringend Handlungsbedarf, meint Hans-Jürgen Urban, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall: „Es ist höchste Zeit, dass Deutschland bei der Verminderung von Stress am Arbeitsplatz nicht länger Schlusslicht in Europa ist.“

Wie kann die Regelungslücke psychische Belastungen geschlossen werden?

Die IG Metall bemängelt, dass der Gesetzgeber den Bereich der psychosozialen Gesundheitsrisiken größtenteils den Betrieben überlässt. Hier fordert die Gewerkschaft eine Anti-Stress-Verordnung, die durch konkretisierende Regeln untersetzt wird – so wie es in anderen Gefährdungsbereichen bereits der Fall ist.

Forderung: §§ 3 und 4 ArbSchG ergänzen

Hier ist zunächst einmal der Gesetzgeber in der Pflicht. Vor allem die Paragrafen 3 und 4 des Arbeitsschutzgesetzes müssten umformuliert und ergänzt werden, so die IG Metall. Auch müsste dieses Gesetz durch mindestens eine Verordnung konkretisiert werden. Als Vorbilder können hier die dänische Verordnung zur Arbeitsorganisation und die belgische Verordnung zu psychosozialen Risiken dienen. Technische Regeln mit Maßnahmen und Handlungsanweisungen konkretisieren diese Verordnungen weiter.

Auch die Arbeitgeber müssen gegen psychische Belastungen kämpfen

Doch auch die Gemeinsame Deutsche Arbeitschutzstrategie (GDA) und nicht zuletzt die Arbeitgeber selbst müssen stärker in die Verantwortung genommen werden.

Sie müssen vor allem an der Arbeitsorganisation ansetzen und darauf achten, dass die Arbeitsaufgaben der einzelnen Mitarbeiter ausführbar, erträglich und zumutbar sind:

  • Monotone Arbeiten müssen verringert oder vermieden werden, da sie zu psychischen Fehlbelastungen führen können.
  • Der Arbeitsrhythmus soll menschengerecht gestaltet werden. Dazu gehört nicht nur die Organisation von Schichtarbeit und Bereitschaftsdiensten, sondern auch die permanente Erreichbarkeit, wie sie durch Smartphones heute selbstverständlich geworden ist.
  • Die Kommunikation muss verbessert werden: Unklare Anweisungen, mangelndes Feedback, ein respektloser Umgang miteinander können Stress am Arbeitsplatz erzeugen – hier müssen Führungskräfte entsprechend geschult werden.

Prävention wirkt!

Wie sinnvoll Prävention ist, belegen Studien aus den USA: Betriebliche Maßnahmen zur Gesundheitsförderung verringern demnach sowohl die Krankheitskosten als auch die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen um 26 %.

Autor: Birgit Adam