11.04.2018

Psychische Belastung am Arbeitsplatz

Das Thema psychische Belastung am Arbeitsplatz und daraus folgende Erkrankungen wird immer wichtiger - das zeigen die Daten der gesetzlichen Krankenkassen: Seit Jahrzehnten steigt die Zahl der beruflichen Fehltage. Doch was sind psychische Belastungen überhaupt und ab wann werden sie schädlich?

psychische belastung

Die DIN EN ISO 10075-1 definiert den Begriff psychische Belastung am Arbeitsplatz als Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken. Das bedeutet, dass psychische Belastungen zu der Wechselwirkung zwischen Umwelt und menschlicher Psyche gehören und nicht etwa bereits ein Gesundheitsrisiko darstellen, wie dies im allgemeinen Sprachgebrauch oft beschrieben wird.

Umgangssprachlich jedoch meint psychische Belastung am Arbeitsplatz alle negativ erlebten Anforderungen durch die Arbeit und am Arbeitsplatz: ”Das belastet mich.“

Psychische Belastung und psychische Beanspruchung

Der Unterschied zwischen psychischer Belastung und psychischer Beanspruchung ist ganz wesentlich. Die Akteure der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA), die für die Leitlinien psychische Gefährdungsbeurteilung verantwortlich sind,  werden daher nicht müde, diesen Unterschied immer wieder aufs Neue klar zu stellen.

Im Gegensatz zur psychischen Belastung (alle Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen – siehe oben) meint die psychische Beanspruchung die unmittelbare (nicht die langfristige) Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum. Sie kann sich entsprechend der aktuellen Verfassung, biografischen und biologischen Prägungen sowie individuellen Bewältigungsstrategien positiv oder negativ auf das Verarbeiten einer psychisch belastenden Situation auswirken.

Beispiel: Eine schwere Last wird in eine Schubkarre gelegt. Diese Belastung beansprucht den Menschen, der die Schubkarre schieben soll, und führt je nach körperlicher Konstitution ggf. zur Fehlbeanspruchung. Während die  Belastung (das Gewicht der Schubkarre) also für jeden Mitarbeiter gleich hoch ist, kann die Beanspruchung je nach körperlicher Konstitution (z.B. Größe, Gewicht, körperliche Fitness, Muskel-Skelett-Probleme) äußerst unterschiedlich ausfallen.

Wichtig: Die im betrieblichen Kontext entscheidende Variable ist nach Maßgabe der GDA also die psychische Belastung – der Wert, der unabhängig von der individuellen Vorbedingung (wie zum Beispiel Pendeln, private Probleme, Resilienz o.ä.) für alle Mitarbeiter gleich ist.

Psychische Belastungsfaktoren am Arbeitsplatz

Um betriebliche Belastungsfaktoren, die häufig zur Fehlbeanspruchung von Beschäftigten führen, zu erfassen, bietet sich eine Aufteilung in Faktoren der Arbeitsaufgabe, der Arbeitsorganisation, der physischen Arbeitsumgebung und der psychosozialen Arbeitsumgebung an (Tab. 1) (vgl. GDA ”Leitlinie Beratung und Überwachung bei psychischer Belastung am Arbeitsplatz“).

Potenziell psychisch belastend können u.a. folgende Faktoren sein:

Arbeitsaufgabe Arbeitsorganisation Physische Arbeitsumgebung Psychosoziale Arbeitsumgebung
  • Arbeitsmenge
  • Zeitdruck
  • Komplexität
  • Dynamik
  • Vollständigkeit der Aufgabe
  • Tätigkeitswechsel (häufig, selten)
  • Daueraufmerksamkeit
  • Dauererreichbarkeit
  • Rolle (Überforderung, Unterforderung, Uneindeutigkeit)
  • Zeitdruck
  • Kommunikation (eindeutig, uneindeutig)
  • Wertschätzung, Anerkennung
  • Handlungs-, Entscheidungsspielraum
  • Entwicklungsmöglichkeiten
  • Führungsverhalten
  • unfaire Behandlung
  • Konkurrenz
  • Kollegen
  • Konflikte, Mobbing
  • Emotionsarbeit
  • Über-/Unterbelegung
  • befristete Beschäftigung
  • Arbeit & Privatleben

Je nach Arbeitsplatz können weitere Faktoren hinzukommen. Welche Faktoren in einem Betrieb oder Unternehmen als belastend (bzw. fehlbeanspruchend) erlebt werden können, kann und soll nach §§ 5 und 6 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) im Rahmen einer psychischen Gefährdungsbeurteilung ermittelt werden, um anschließend Maßnahmen zu entwickeln, die helfen, die vorhandenen Belastungen zu vermeiden oder zumindest so weit wie möglich zu reduzieren.

Wann psychische Belastung am Arbeitsplatz schädlich wird

In jedem Unternehmen und an jedem Arbeitsplatz gibt es Arbeitsphasen, in denen die Belastungen hoch sind wie z.B. die Jahresendproduktion oder die Fertigstellung eines wichtigen Auftrags. Gute individuelle Ressourcen sowie eine gute Entspannungs- und Erholungsfähigkeit am Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub reichen dann aus, die individuelle Arbeitsfähigkeit dauerhaft zu erhalten – sofern hoch belastenden Arbeitsphasen Phasen relativer Arbeitsentspannung folgen.

Ist die Beanspruchung der Beschäftigten durch die Arbeit über einen längeren Zeitraum hinweg sehr hoch, wirkt sich die Belastung in der Regel nachteilig auf die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten aus: Gesundheit, Motivation und Leistungsfähigkeit werden gemindert und die Produktivität lässt nach.

Schädlich für den Menschen werden psychische – wie auch physische – Belastungen dann, wenn sie dauerhaft anhalten und nach und nach mehr mentale und körperliche Reserven aufbrauchen, als positive Ressourcen am Arbeitsplatz oder auch im privaten Umfeld regenerieren können: Dauerhafter Stress macht krank.

Ein wichtiges Kriterium für die Arbeitsfähigkeit ist die Bewältigung der Arbeit: Haben Beschäftigte dauerhaft den Eindruck, ihre Arbeit nicht mehr bewältigen zu können, dann besteht mittel- und langfristig das Risiko einer beruflichen Erschöpfung bis hin zum sogenannten Burnout-Syndrom und psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen.

Besondere Risikokonstellationen am Arbeitsplatz

Eine besondere betriebliche Risikokonstellation für psychische Fehlbeanspruchungen mit der potenziellen Folge einer psychischen Erkrankung besteht, wenn folgende drei Faktoren aufeinandertreffen:

  1. hohe Arbeitsdichte, hohe Anforderung
  2. geringe Wertschätzung, geringer Handlungsspielraum, sich nicht einbringen können, wenig soziale Unterstützung
  3. hohe Verausgabungsbereitschaft, starke Identifikation mit der Tätigkeit, hohe Ansprüche an sich selbst, hohe Resignationstendenz

Jede vorhandene psychische Belastung am Arbeitsplatz trifft immer auf die individuellen Voraussetzungen und Bewältigungsstrategien einzelner Mitarbeiter. Wann sie zur Fehlbeanspruchung mit dem Risiko einer psychischen Erkrankung wird, ist individuell sehr unterschiedlich. Dennoch ist es wichtig zu wissen, dass bei der Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung niemals das subjektive Erleben der Beschäftigten bezüglich der Arbeitsbedingungen erfasst werden kann und soll. Es sind immer nur die objektiven Belastungsfaktoren, die im betrieblichen Alltag beobachtet und auch verbessert werden können.

Psychische Belastungen am Arbeitsplatz können und sollen nicht gänzlich vermieden werden. Sie können anregen, aktivieren und motivieren. Sie können aber auch Stressreaktionen und Erschöpfung hervorrufen und eine psychische Erkrankung (mit)auslösen.

Psychische Belastung am Arbeitsplatz reduzieren

Wenn mögliche psychische Fehlbelastungen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung erkannt wurden, sollten entsprechende Maßnahmen entwickelt werden, um diese Fehlbelastungen zu vermeiden – passend zur spezifischen Situation im Unternehmen und passend für den jeweiligen Mitarbeiter und Arbeitsplatz.

Psychische Fehlbelastungen zu vermeiden gehört zu den Maßnahmen der Gesundheitsprävention am Arbeitsplatz und sollte als Führungsaufgabe verstanden werden. Nicht nur der einzelne Mitarbeiter profitiert von einem Stressabbau am Arbeitsplatz, sondern die Wirtschaftskraft des ganzen Unternehmens. Der Betriebsarzt und die Fachkraft für Arbeitssicherheit können die Führungskräfte bei der Vermeidung psychischer Fehlbelastungen beraten.

Die Checkliste Psychische Belastung gibt Ihnen Anregungen, wie die Arbeitsorganisation aussehen kann und was bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes und der Arbeitsaufgaben zu berücksichtigen bzw. zu verbessern ist.

Autor: Carsten Burfeind