Fachbeitrag | Informieren und Recht
12.01.2015

Präsentismus: Krank zur Arbeit auf Kosten von Gesundheit und Produktivität

Ob Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes oder aufgrund eines hohen Arbeitspensums, viele Beschäftigten gehen trotz Krankheit zur Arbeit. Doch dies geht auf Kosten der Gesundheit und Produktivität.

Präsentismus© Fuse /​ Thinkstock

Viele Beschäftigte halten sich für ihren Alltag und ihre tägliche Arbeit mit Tabletten fit. Dieses geschieht vielfach gegen den Rat des Arztes und ohne dass Vorgesetzte und Kollegen davon wissen. Ob mit

  • anfänglicher oder nicht ausgeheilter Lungenentzündung und anderen Infekten,
  • anhaltenden Muskel- und Gelenkbeschwerden, ungeklärten Schlafstörungen,
  • Erschöpfungs- oder andere stressbedingte Symptome (u.a. Tinnitus),
  • der Verzicht oder verschobene Antritt einer Kur…,

der sorglose Umgang mit der eigenen Gesundheit kann auch Kolleg/innen oder deren Angehörige gefährden!

Nicht selten wird das Wochenende oder der Urlaub zum Auskurieren von Krankheiten benutzt. Präsentismus bedeutet, dass Beschäftigte darauf verzichten, sich, insbesondere bei chronischen oder wiederkehrenden Krankheiten, -schmerzen oder psychischen Erkrankungen krank zu melden, obwohl sie sich krank fühlen und ein Arzt Ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit Arbeitsunfähigkeit bescheinigen würde. Sie haben Angst davor, dass

  • der Verlust des Arbeitsplatzes droht
  • während der Probezeit die Entlassung droht
  • die Befristung nicht verlängert wird bzw. keine Übernahme erfolgt
  • Karriereschäden/Nachteile entstehen, wenn man sich häufiger krankmeldet
  • Ärger mit Kolleg/innen entsteht
  • Man als „Schwächling/“Drückeberger“ angesehen wird
  • nicht aufholbare Arbeitsrückstände entstehen

Dieses Verhalten ist von besonders hoher Motivation, betrieblicher Widereingliederung oder ärztlich empfohlene Rückkehr an den Arbeitsplatz abzugrenzen. So ist davon auszugehen, dass sich durch Präsentismus bei einem eher schlechten Gesundheitszustand langfristig das Risiko zum Beispiel von Arbeitsunfällen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Angststörungen, Muskel-, Skeletterkrankungen, demnach folglich langfristigem oder dauerhaftem Arbeitsausfall mit erheblichen Kostenbelastungen durch Produktivitätsverluste, infolge eingeschränkter Arbeits- und Leistungsfähigkeit deutlich erhöht.

Wichtige Hinweise für Arbeitgeber

Eindeutige Hinweise zeigen auf, dass Unternehmen, die ein proaktiv und präventiv ausgerichtetes betriebliches Gesundheitsförderungsprogramm im Betrieb implementiert haben und in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter investieren,

  • weniger krankheitsbedingte Personalausfälle haben und
  • deutlich weniger vom Phänomen Präsentismus betroffen sind

Dabei darf die Ausrichtung des betrieblichen Gesundheitsmanagements nicht primär auf die Anwesenheits- und Fehlzeitenquote der Beschäftigten ausgerichtet sein. Es geht zukünftig vielmehr darum, gemeinsam mit den Beschäftigten an einer mitarbeiterorientierten Unternehmenskultur zu arbeiten, um die – physische und psychische – Gesundheit der Beschäftigten zu stärken und ihre Arbeitsfähigkeit zu erhalten.

Dazu gehört es, vorrangig von vordergründigen Auffassungen, dass

  • seelische Gesundheit ein Tabuthema ist,
  • wer zur Arbeit erscheint gesund und wer fehlt krank ist,
  • Gesundheit im Übrigen Privatsache ist und
  • das Führungskräfte wenig oder gar nichts über die Gesundheit der Beschäftigten wissen muss,

gezielt Abstand zu nehmen.

Die Ergebnisse derzeitiger Präsentismusforschung legen nahe, dass in einer alternden Gesellschaft Unternehmen immer stärker darauf angewiesen sind, dass ihre erkrankten Mitarbeiter eine hochwertige und zügige Behandlung, Rehabilitation und angemessene Wiedereingliederung erhalten.

Unternehmen sollten im Rahmen ihrer Präsentismusprävention verstärkt auf eine präventive Gesundheitspolitik und eine qualitativ hochwertige Versorgungsintegration hinwirken und dazu auch mit den Akteuren „vor Ort“  (Krankenkassen, BGn, Rehabilitationsträger) eine nachhaltige Kooperation anstreben.

Die Entwicklung einer Kultur der Achtsamkeit  – anstelle der bisherigen Kultur der Sorglosigkeit bzw. Unachtsamkeit – für das physische und psychische Befinden der Mitarbeiter sollte deshalb ein zentrales Ziel betrieblicher Personal– und Gesundheitspolitik darstellen, bei der Vorgesetzte und Mitarbeiter Arbeitsbedingungen so gestalten sollten, dass krankheitsbedingte Leistungseinschränkungen akzeptiert und im Prozess der Arbeitsgestaltung berücksichtigt werden. Damit lässt sich Präsentismus (ebenso Absentismus) und die damit verbundenen direkten und indirekten Kosten verringern.

Autor: Stefan Johannsen

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