21.10.2020

MEGAPHYS: Risiken durch physische Belastungen richtig einordnen

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat im Oktober 2019 die „Mehrstufige Gefährdungsanalyse physischer Belastungen am Arbeitsplatz – MEGAPHYS“ veröffentlicht und darin sechs geeignete Leitmerkmalmethoden analysiert und zur Risikoanalyse in der Praxis empfohlen. Die grundlegenden Annahmen und Vorgehensweisen dieser Leitmerkmalmethoden werden hier vorgestellt.

Schwere physische Belastung kann wie in diesem Bild schwer heben und tragen zu Rückenschmerzen führen

Physische Belastung am Arbeitsplatz beinhaltet für die Beschäftigten enorme gesundheitliche Risiken. Insbesondere können gesundheitliche Schäden am Muskel-Skelett-System entstehen. Zusätzlich ist das Risiko von Unfällen durch Herabfallen oder Umschlagen von Lasten zu berücksichtigen. Doch wie sind diese Risiken konkret zu bewerten? Eine Orientierung geben diese Leitmerkmalmethoden der BAuA:

  • Manuelles Heben, Halten und Tragen von Lasten
  • Manuelles Ziehen und Schieben von Lasten
  • Manuelle Arbeitsprozesse
  • Ganzkörperkräfte
  • Körperzwangshaltungen
  • Körperfortbewegung.

Für das Risiko ist die Belastungshöhe entscheidend

Bei den Leitmerkmalmethoden wird grundsätzlich angenommen, dass durch eine zunehmende Belastungshöhe die Beschwerden bzw. Erkrankungen zunehmen. Zusätzlich wird die Belastungsfähigkeit der Beschäftigten berücksichtigt.

So ist bei „geringen“ Belastungshöhen grundsätzlich nicht von einer Gesundheitsgefährdung auszugehen und entsprechend sind keine Maßnahmen notwendig. Dies gilt auch dann, wenn vermindert belastbare Personen tätig sind.

Bei einer „mäßig erhöhten“ Belastungshöhe muss davon ausgegangen werden, dass vermindert belastbare Personen gesundheitliche Schäden davontragen können. Hier sind Präventionsmaßnahmen und Entlastung „sinnvoll“.

Ist die Belastung wesentlich erhöht, besteht auch für normal belastbare Personen ein relevantes Risiko eines gesundheitlichen Schadens, wobei nicht von bleibenden Schäden ausgegangen wird. Hier müssen präventive Maßnahmen „geprüft“ werden.

Bei einer hohen Belastungsintensität dagegen ist eine körperliche Überbeanspruchung wahrscheinlich, weshalb Maßnahmen für gesundes und sicheres Arbeiten „vorgeschrieben“ und Präventionsmaßnahmen „zu prüfen“ sind.

Hinweis:

Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) will bis 2022 Methoden und Lösungen zur Prävention von Muskel-Skelett-Erkrankungen entwickeln.

Wirkungen verschiedener Belastungsarten können sich kumulieren

Bei der Ermittlung der Risiken muss geprüft werden, in welchen Körperregionen die Belastungen wirken. So können die jeweiligen Belastungen bei unterschiedlichen Belastungsarten für sich genommen nicht auffällig hoch sein. Wenn sich jedoch verschiedene Belastungen auf einzelne Körperregionen konzentrieren, können sich die Belastungen addieren und zu einem höheren gesundheitlichen Risiko führen, als dies bei jeder einzelnen Belastungsart für sich genommen der Fall ist.

Physische Belastung wirkt auf unterschiedliche Körperregionen

Bei der Wirkung der Belastungen werden die Wirkungen auf das Muskel-Skelett-System durch die Betrachtung der folgenden neun Körperregionen differenziert:

  • Nacken/HWS
  • Schultern und Oberarme
  • Ellenbogen und Unterarme
  • Handgelenke und Hände
  • Oberer Rücken/BWS
  • Unterer Rücken/LWS
  • Hüfte/Oberschenkel
  • Knie
  • Sprunggelenk/Füße

Bei der Ermittlung der Risiken wird davon ausgegangen, dass die Belastungen regelmäßig wiederkehrend über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten bestehen. Dabei werden Arbeitsplätze mit zeitlich gewichteten Acht-Stunden-Schichten unter Berücksichtigung von Arbeitsspitzen bewertet.

Die Folge: akute und chronische Gesundheitsschäden

Die Gefährdung der Beschäftigten besteht durch akute Beeinträchtigungen und chronische Gesundheitsschäden. Gefährdend sind z.B. im unteren Rücken auftretende Überlastungen von Muskeln und Bändern oder Überbeanspruchungen der Muskulatur und Sehnenansätze.

Zu den akuten Beeinträchtigungen zählen auch Unfallfolgen wie Quetschungen, Prellungen und Stauchungen.

Die langfristigen Gesundheitsschäden können insbesondere durch länger anhaltende oder sich häufig wiederholende Expositionen entstehen. Dazu gehören z.B. bandscheibenbedingte Erkrankungen sowie Erkrankungen der Kniegelenke.

Unterschiedliche Bewertungsperspektiven einnehmen

Nach den MEGAPHYS-Autoren ist es sinnvoll, dass bei der Bewertung der Risiken unterschiedliche Perspektiven eingenommen werden. So werden in der biomechanischen Betrachtung die Druckkräfte und Beugemomente auf die Bandscheiben der Lendenwirbelsäule sowie nicht symmetrische Beugemomente (z.B. Wirkkräfte in seitlicher Haltung) betrachtet. Die energetische Betrachtung dagegen fragt nach den Belastungen des Herz-Kreislauf-Systems, während die muskelphysiologische Betrachtung nach lokalen Muskelermüdungen und gehäuften Muskelverspannungen fragt. Weitere Bewertungsperspektiven sind die medizinische und die psychophysische Betrachtung von Belastungen.

So kommen Sie weiter:

Das Dokument „Gefährdungsbeurteilung bei physischer Belastung – die neuen Leitmerkmalmethoden (LMM)“ finden Sie als Kurzfassung auf der Website der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin:

Autor: Martin Buttenmüller (Martin Buttenmüller ist Autor und Chefredakteur des Fachmagazins Arbeitsschutz-Profi AKTUELL)