10.04.2018

Schritt für Schritt zur Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung

Aller Anfang ist schwer, das gilt auch für die Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung. Viele Beauftragte fragen sich, wie sie die Daten ermitteln und beurteilen sollen. Orientieren Sie sich für den Anfang am besten an folgender allgemeiner Schritt-für Schritt-Anleitung:

Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung

Die Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung eröffnet wie sonst kein anderes Instrument eine wichtige Chance: Nämlich durch Prävention einiges von dem wiedergutzumachen, was vielerorts durch immer belastendere Arbeitsbedingungen an gesundheitlichen und ökonomischen Gefahren heraufbeschworen wird.

Dass psychische Belastungen am Arbeitsplatz von Jahr zu Jahr eine immer größere Rolle spielen und immer höhere Kosten und Probleme verursachen, ist unter Fachleuten wie betrieblichen Praktikern allgemein bekannt. Doch viele fragen sich, wo sie ansetzen sollen, wenn eine psychische Gefährdungsbeurteilung durchgeführt werden soll. Erste Unterstützung bietet unsere Schritt-für-Schritt-Anleitung:

Schritt 1: Ermitteln Sie Kennzahlen und priorisieren Sie

Legen Sie fest, wo Gefährdungsbeurteilungen zuerst vorgenommen werden sollen. Für diese Priorisierung können Sie Krankenstände, Häufung von Gesundheitsbeschwerden, Fluktuation und ähnliche Kennzahlen verwenden. Mit der Abarbeitung der zu erstellenden Gefährdungsbeurteilungen beginnen Sie dort, wo Sie die größten Gefährdungen vermuten.

Schritt 2: Festlegung von Tätigkeiten und Bereichen

Wie bei allen Gefährdungsbeurteilungen ergibt es auch bei psychischen Gefährdungen keinen Sinn, für jeden Arbeitsplatz eine eigene Beurteilung zu erstellen. Deshalb gilt es, Tätigkeiten und Bereiche festzulegen, die zu Einheiten zusammengefasst und einheitlich beurteilt werden können. Innerhalb dieser Einheiten sind die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz gleichartig oder vergleichbar. Diese Einheiten können, müssen aber nicht mit Einheiten anderer Beurteilungen übereinstimmen.

Bei der Bildung von Einheiten besteht Handlungsspielraum, jedoch muss sie nachvollziehbar begründet sein. In der Praxis verschaffen Sie sich einen Überblick anhand von Organigrammen (Aufbau- und Ablauforganisation) und beziehen Stellen- und Tätigkeitsbeschreibungen mit ein.

Schritt 3: Ermittlung der psychischen Belastung

Bei der konkreten Ermittlung der psychischen Belastung sind alle Faktoren einzubeziehen, die im betrachteten Arbeitsbereich bzw. bei der betrachteten Einheit auftreten können. Tragen Sie dazu zunächst alle vorhandenen Informationen zusammen. Schließlich muss das, was schon da ist, nicht noch einmal erfasst werden, sofern alles hinreichend aktuell ist.

Nutzen Sie zum Beispiel bereits durchgeführte Mitarbeiterbefragungen und vorhandene Gefährdungsbeurteilungen, die für andere Gefährdungen bereits erstellt wurden.

Sind Informationen über Gefährdungen nicht vorhanden, müssen Sie diese ermitteln. Um herauszufinden, welche Belastungsschwerpunkte vorliegen, eignet sich eine Mitarbeiterbefragung mit einem standardisierten, unbedingt anonymen (!) Fragebogen. Da der Durchführungs- und Auswertungsaufwand in der Regel überschaubar bleibt, können Sie mit diesem Befragungsinstrument alle Mitarbeiter einbeziehen.

Allerdings sind schriftliche Befragungen meist nur ein erster Schritt und geben Hinweise, die dann konkretisiert werden müssen. Dazu gehören exemplarische persönliche Interviews und Workshops. Den zeitlichen Aufwand dafür sollten Sie im Maßnahmenplan von vornherein berücksichtigen.

Schritt 4: Beurteilung der psychischen Belastung

Sind Maßnahmen zur Reduzierung der psychischen Belastung erforderlich oder nicht? Und wenn ja, welche könnten dies sein? Um diese Fragen zu beantworten, müssen psychische Belastungen beurteilt und eingeschätzt werden.

Für viele Belastungsfaktoren gibt es keine verbindlichen rechtlichen Festsetzungen; Sie müssen sich bei der Beurteilung an die Grundsätze „sachlich begründet“ und „nachvollziehbar“ halten:

  • Gibt es arbeitswissenschaftlich belegbare Kriterien oder Schwellenwerte, die aufzeigen, dass Belastungen gesundheitsgefährdend sind?
  • Gibt es empirische Vergleichswerte aus dem Betrieb selbst, von Unternehmen der gleichen Branche oder Statistiken von Verbänden und Genossenschaften?
  • Auch Workshop-Ergebnisse, die Befragung von internen und externen Experten und die Ergebnisse der Mitarbeiterbefragungen können zur Beurteilung herangezogen wird.

Bei der Beurteilung selbst geht es darum, einen Soll-Ist-Vergleich anzustellen und mit der Größe des Abstand zwischen „Soll“ und „Ist“ auch die Dringlichkeit einer Veränderung darzustellen.

Schritt 5: Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen

Nun entwickeln Sie Maßnahmen zur Förderung von Sicherheit und zum Schutz der Gesundheit. Dabei können Sie sich am Arbeitsschutzgesetz orientieren. Beginnen Sie zeitnah mit der Umsetzung von Maßnahmen, um die Wirksamkeit zu gewährleisten. Auch hier können Sie nachvollziehbar priorisieren, wenn nicht alles auf einmal umgesetzt werden kann.

Schritt 6: Wirksamkeitskontrolle

Ob Sie Ihre Ziele zum Schutz der Beschäftigten durch geeignete Maßnahmen erreicht haben, muss überprüft werden. Dazu dokumentieren  Sie verständlich, dass die Belastung der Beschäftigten verringert werden konnte. Die Wirksamkeit der umgesetzten Maßnahmen kann zu einem geeigneten Zeitpunkt z.B. durch eine Mitarbeiter­befragung ermittelt werden. Nicht wirksame Maßnahmen müssen weiterentwickelt werden.

Schritt 7: Aktualisierung und Fortschreibung

Die durchgeführte Ermittlung psychischer Belastungen müssen Sie stets auf dem aktuellen Stand halten. Eine Überprüfung sollte in regelmäßigen Abständen vorgenommen werden. Sollten sich Ihre betrieblichen Gegebenheiten ändern, z.B. durch neue Organisationsabläufe oder Beschwerden der Beschäftigten, muss die Gefährdungs­beurteilung überarbeitet werden.

Schritt 8: Dokumentation

Die Gefährdungsbeurteilung ist schriftlich zu dokumentieren. Dabei müssen Sie wesentliche Punkte beachten. Aus der Dokumentation muss hervorgehen, dass die Beurteilung der Arbeits­bedingungen angemessen und fachkundig durchgeführt wurde. Die Unterlagen müssen auch Angaben zu den Schutzmaßnahmen enthalten.

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Autor: Markus Horn