24.03.2020

Mit Fingerspitzengefühl gegen die Corona-Angst

Wird man der erste oder der nächste sein, der sich mit dem Coronavirus infiziert? Die Ängste können bei Mitarbeitern zu übertriebenen Vorsichtsmaßnahmen bis hin zur Verweigerung der Arbeitsleitung führen. Aber auch schon der Arbeitsweg kann eine Angststörung auslösen. Und der Blick auf China zeigt: Auch Mitarbeiter im Homeoffice können jetzt ernsthafte psychische Erkrankungen entwickeln.

Mundschutz

In Deutschland grassiert die Corona-Angst. Gefragt sind im Umgang mit ängstlichen Mitarbeitern ausführliche und sachliche Informationen sowie die richtige Mischung aus klaren Ansagen und Fingerspitzengefühl.

Was tun beispielsweise, wenn sich Mitarbeiter plötzlich einen Mundschutz anlegen, obwohl keine besondere Gefährdung vorliegt? Das Problem dabei ist die Signalwirkung: Das Umfeld nimmt wahr, dass sich ein Kollege gefährdet sieht, und ahmt dessen Verhalten nach, was wiederum die Ängste aller Mitarbeiter um ihn herum schürt. Dies kann bis zur Leistungsverweigerung ganzer Belegschaften gehen, wenn sich die Angst zur akuten Panik steigert.

Corona-Angst und die Rechtslage

Der Arbeits- und Gesundheitsschutz im Unternehmen sollte gemeinsam mit den Führungskräften die richtige Balance zwischen Durchsetzungskraft und Entgegenkommen finden. So sollten die Führungskräfte einerseits die Rechtslage deutlich machen, andererseits aber auch mit dem richtigen Fingerspitzengefühl Verständnis und Entgegenkommen zeigen. Anhand unseres Beispiels oben bedeutet das:

  • Rechtslage: Der Arbeitgeber muss kein eigenmächtiges Tragen von persönlicher Schutzausrüstung dulden, es sei denn, es gibt eine klare Fürsorgepflicht aufgrund einer ermittelten Gefährdung. Im Falle des Coronavirus könnte dies z.B. der Fall sein bei Mitarbeitern im Supermarkt, die im Kassenbereich mit viel Kundenkontakt arbeiten. Ist dies nicht der Fall, kann der Arbeitgeber das Tragen z.B. von Schutzausrüstungen untersagen.
  • Fingerspitzengefühl: Den Mundschutz zu verbieten kann Widerstand hervorrufen und dem Arbeitgeber den Vorwurf einbringen, dass er sich nicht um die Gesundheit der Mitarbeiter und deren Angehörigen kümmere. Die Führungskräfte sollen deshalb auf die Mitarbeiter zugehen und sie ansprechen, warum sie eine PSA tragen.

Hier zeigen sich oft Wissensdefizite hinsichtlich der Übertragungswege des Coronavirus. Häufig haben viele auch das Gefühl, in einer bedrohlichen Situation einfach irgendetwas tun und sich schützen zu müssen. Absolut verständlich – aber hier gilt es eben, diese Impulse in die richtige Richtung zu lenken. Sachliche Aufklärung über den Infektionsweg und die Infektionsrisiken hilft, ebenso der Hinweis auf angemessene Maßnahmen wie regelmäßiges Händedesinfizieren.

Klären Sie also darüber auf, wie sich das Coronavirus verbreitet:

  • Der wichtigste Übertragungsweg sind Tröpfchen, die von infizierten Menschen in die Luft abgegeben und anschließend von anderen eingeatmet werden.
  • Der zweite Weg sind Sekrete, die an die Hände und von da aus an die Schleimhäute in Mund, Nase und Augen gelangen.

Sagen Sie den Mitarbeitern klar und deutlich: Eine Übertragung über Lebensmittel oder Möbel, Werkzeuge, Arbeitsmittel etc. ist bisher nicht bekannt.

Verbote und disziplinarische Maßnahmen begrenzt sinnvoll

Im Zweifel ergibt es wenig Sinn, das Tragen eines Mundschutzes oder andere Schutzmaßnahmen zu verbieten. Stellen Sie es den Mitarbeitern frei, sich durch solche und ähnliche Maßnahmen zu schützen, sofern dadurch die Tätigkeiten nicht behindert werden. Personen mit größeren Ängsten können Sie durch vorübergehende Versetzung an andere Arbeitsplätze (z.B. von der Supermarktkasse in den Lagerbereich) entlasten.

Auch wenn Sie auf die psychische Situation einzelner Mitarbeiter eingehen, versuchen Sie, den Teamgedanken hochzuhalten: „Herr Mayer hat Befürchtungen, sich an der Kasse anzustecken.“ Kommunizieren Sie dies wertschätzend und liefern Sie Gründe: „Er hat eine Vorschädigung an den Bronchien und fürchtet im Ansteckungsfall einen schwerwiegenden Verlauf der Erkrankung.“ Geben Sie ein Stück der Verantwortung an das Team: „Wie lösen wir jetzt das Problem, dass wir ausreichend Leute an den Kassen haben?“ In guten Teams werden sich Kollegen finden, die einspringen.

Hilfe anbieten, Eigenmächtigkeiten unterbinden

Führungskräfte und die Akteure des Arbeits- und Gesundheitsschutzes sollten den Mitarbeitern anbieten, sich bei Problemen, Ängsten und anderen psychischen Belastungen an sie zu wenden. Der Tenor: „Wir werden versuchen, für jeden eine Lösung zu finden.“ Aber: „Wir müssen nun einmal Wege finden, dass die Arbeit gemacht wird.“

Wenn sich Mitarbeiter individuell weigern, offensichtlich nicht gefährdende Tätigkeiten auszuführen, sollten Sie dem Grenzen setzen. So gibt es in der Regel kein Weigerungsrecht, Tätigkeiten auszuführen, weil man sie für zu gefährlich hält. Und eigenmächtiges Entfernen vom Arbeitsplatz sollten Sie disziplinarisch ahnden, da Sie sonst die Kontrolle verlieren.

Psychische Unterstützung im Homeoffice

Arbeiten Mitarbeiter zum eigenen Schutz ganz oder teilweise im Homeoffice, kann dies in Verbindung mit den derzeit geltenden Beschränkungen des öffentlichen Lebens (z.B. keine Besuche anderer Personen, kein Besuch von Veranstaltungen, keine gastronomischen Angebote) eine große psychische Belastung verursachen.

Beispielsweise zeigt eine statistische Auswertung des deutsch-chinesischen Alumnifachnetzes (DCHAN) von Anrufern einer Hotline in der chinesischen Stadt Wuhan, dass knapp die Hälfte der Nutzer unter Angstzuständen litt. Etwa 20 % waren von Schlafproblemen betroffen, 16 % zeigten depressive und 15 % somatoforme Symptome.

Vor allem bei allein lebenden Mitarbeitern kann wochenlanges Homeoffice in Verbindung mit den Beschränkungen der sozialen Kontakte ähnliche psychische Probleme auslösen. Beugen Sie dem mit verschiedenen Maßnahmen vor:

  • Greifen Sie z.B. auf rollierendes Homeoffice zurück. Hierbei teilen Sie die Mitarbeiter in 2 Gruppen auf und lassen Sie diese so zwischen ihrem Arbeitsplatz im Betrieb und dem Homeoffice wechseln, dass immer die gleichen Mitarbeiter gleichzeitig im Betrieb bzw. im Homeoffice sind. Auf diese Weise kommt immer nur die Hälfte der Mitarbeiter miteinander in Kontakt.
  • Bieten Sie den Mitarbeitern soziale Kontaktmöglichkeiten an. Dies kann ein virtuelles gemeinsames Kaffeetrinken per Videochat oder einfach ein Mitarbeiterblog sein, über den sich die Mitarbeiter austauschen und sich weiterhin als Kollege und Teil der Belegschaft fühlen können.
  • Organisieren Sie eine Telefon- und E-Mail-Hotline, an die sich Mitarbeiter bei Problemen wenden können.
  • Geben Sie die Nummern der Telefonseelsorge und anderer Angebote für Menschen mit sozialen und psychischen Problemen an die Mitarbeiter weiter.

Infektionsangst auf dem Arbeitsweg

Manche Mitarbeiter haben auch Ängste, sich auf dem Weg zum Arbeitsplatz zu infizieren – häufig fahren sie dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch hier muss die richtige Balance gefunden werden, um einerseits das Weisungsrecht durchzusetzen, auf der anderen Seite aber auch die Ängste der Mitarbeiter ernst zu nehmen.

  • Machen Sie deutlich, dass die Mitarbeiter das sogenannte Wegerisiko tragen. Wer eigenmächtig die Entscheidung trifft, nicht am Arbeitsplatz zu erscheinen, verliert seinen Vergütungsanspruch und muss ggf. mit disziplinarischen Maßnahmen rechnen.
  • Um Verständnis zu zeigen, lassen Sie sich erzählen, worin genau die Bedenken bestehen. Soweit möglich, bieten Sie ein Entgegenkommen an. Dieses kann, je nach den Rahmenbedingungen in Ihrem Betrieb und in Ihrer Gegend, ganz unterschiedlich ausfallen. Gerade bei Bürojobs ist z.B. oft Homeoffice problemlos.  Möglich wäre es sonst auch, dass Mitarbeiter später oder früher anfangen können und damit der Rush-Hour in der U-Bahn entgehen.

Wenn Mitarbeiter Ängste haben, diskutieren Sie dies auch einmal in einer größeren Besprechung. Was ausgesprochen wird, ist oft leichter für die Betroffenen. Häufig solidarisieren sich Mitarbeiter dann untereinander, z.B. indem sie sich gegenseitig mit dem Auto abholen (sinnvoll z.B. gerade dann, wenn sie ohnehin in räumlicher Nähe zueinander arbeiten) oder gemeinsam öffentliche Verkehrsmittel nutzen.

Gefährdungsbeurteilung durchführen

Wie immer empfehlen sich auch im Fall akuter psychischer Belastungen durch das Coronavirus die Erstellung einer Gefährdungsbeurteilung und nach dem STOP-Prinzip die Ableitung von geeigneten Maßnahmen. Dadurch vermeiden Sie die Fixierung auf PSA und ermöglichen kreative Lösungen.

Infografik Corona-Angst

  • Substitution: Welche gefährlichen Tätigkeiten, Prozesse und Stoffe können durch ungefährliche ersetzt werden, bei denen Mitarbeiter nicht mit dem Erreger in Kontakt kommen können? So kann z.B. die Kantine in den nächsten Wochen auf die eigene Herstellung von Mahlzeiten verzichten, weil dadurch viele Personen auf engem Raum in der Küche tätig sein müssen. Stattdessen lässt sich das Unternehmen Essen anliefern und kann dieses mit deutlich weniger Personen austeilen.
  • Technische Lösungen: Hier könnte z.B. überlegt werden, wie über eine Lüftung ins Freie und ein überall verfügbares Angebot zur Reinigung der Hände die Infektionsgefahr eingedämmt werden kann. Im Beispiel mit der Kantine könnte man versuchen, die Küchenmitarbeiter durch Essensausgabe-Automaten zu schützen.
  • Organisatorische Maßnahmen: Reinigungsunternehmen können häufiger zum Zug kommen und angewiesen werden, bei jedem Durchgang auch alle potenziellen Infektionsherde zu entschärfen. Eine andere Idee: Die Pausen sollen nicht in den Pausenräumen, sondern möglichst im Freien verbracht werden. Bieten Sie dazu Sitzgelegenheiten und für kältere Tage Heizpilze oder ähnliche Lösungen.
  • Persönliche Schutzausrüstung: Hier kommen Masken und Schutzkleidung sowie Schutzhandschuhe in Betracht. Das Tragen der PSA kann eine psychische Belastung sein und gefährdend wirken.

Versuchen Sie, einschränkende Maßnahmen mit Vorteilen für die Mitarbeiter zu verbinden. Wenn es z.B. Einschränkungen bei den Kantinenmahlzeiten gibt, können Sie für diese Phase das Essen kostenlos zur Verfügung stellen.

Tipp: Vorlagen für die Gefährdungsbeurteilung bezogen auf Ansteckungsgefahren mit dem Coronavirus finden Sie in Notfallwissen Infektionsschutz.

Autor: Markus Horn