12.01.2015

Arbeitsbedingungen gesundheits- und altersgerecht gestalten

Um die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit älterer Beschäftigter in möglichst großem Umfang bis zum Erreichen der Altersgrenze zu erhalten, sind weitreichende Investitionen in gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen erforderlich.

Diese Investitionsvorhaben gehen über das „normale“  Maß von Arbeitsschutzregelungen und betrieblicher Gesundheitsförderung weit hinaus, da sie parallel zu konsequent weiterentwickelten Qualifizierungsangeboten ein vielfältiges Spektrum von Maßnahmen der Organisations- und Personalentwicklung in Betrieben sowie von Aktivitäten der überbetrieblichen, branchenbezogenen Arbeits- und Tarifvertragsgestaltung beinhalten.

Die krankmachenden Einflüsse der Arbeit hängen entscheidend von den Merkmalsbereichen Arbeitsorganisation (Ablauf, Qualität,  Dauer der Arbeitsanforderungen Kommunikation/Kooperation),  Arbeitsinhalten- und –aufgaben (Vollständigkeit, Handlungsspielraum, Variabilität, Informationsangebot, Verantwortung, Qualifikation, emotionale Inanspruchnahme), sozialen Beziehungen (Führungsverhalten, Gruppenverhalten),  Umgebungsfaktoren (Beleuchtung, Lärm, Gerüche, Hitze, Kälte, Staub, Luft) am Arbeitsplatz ab, denen man ausgesetzt ist.

Dabei ist wichtig, die branchenunspezifischen sowie branchentypisch, aber betriebsbezogenen spezifischen Hauptbelastungsfaktoren sowie besondere Sachverhalte zu identifizieren, im Rahmen der Bewertung zu berücksichtigen und deren Aktualität regelmäßig zu überprüfen.

Diese o.g. Merkmalsbereiche sind im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung psychischer (Fehl-)Belastungsfaktoren tätigkeitsbezogen, bei gleichen Tätigkeiten arbeitsbereichsbezogen einzeln und kumulativ zu betrachten, zu bewerten und in die ganzheitlich betrachtete Gesamtgefährdungsbeurteilung in schriftlicher Form zu integrieren, um den gesetzlichen Anforderungen in Verbindung mit den physischen, psychischen und sozialen Bedürfnissen von Beschäftigten gerecht zu werden. Geschieht dieses nicht bzw. in nicht angemessener Form wirkt sich dies negativ auf den Gesundheitszustand der Beschäftigten aus und wird zum unkalkulierbaren Risiko für den jeweiligen Betrieb.

Wodurch macht sich das zunehmende Alter im Arbeitsleben bemerkbar?

  • Eingeschränktes Funktionsniveau von Sinnesorganen,
  • eingeschränkte Geschwindigkeit von Bewegung und Informationsverarbeitung,
  • verringerte Muskelkraft,
  • schnellere Ermüdung,
  • i.d.R. geringeres Vermögen Veränderungen am Arbeitsplatz (u.a. neue Arbeitsabläufe, -verfahren, Umgestaltungen) zu bewältigen,
  • kürzeres Stehvermögen und eingeschränkte Balance erhöhen die Unfallgefahr und beschleunigen Verschleißprozesse am Arbeitsplatz, die durch rechtzeitig einsetzende ergonomische Vorkehrungen begrenzt werden können,
  • ggf. krankheitsbedingte Veränderungen (u.a. erhöhte Stresssensitivität, Einschränkungen des Bewegungsapparates, Konzentrationsdefizite, festgestellte Leistungswandelung)


Maßnahmen zum Erhalt von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit bei älteren Beschäftigten

Identifizierung gesundheitsgefährdender Arbeitsbedingungen: Gefährdungsbeurteilung und Konzept zur menschengerechten Gestaltung der Arbeit

Verbesserung der inner- und überbetrieblichen Informationslage und Kommunikation zu gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen mit dem vorrangigen Ziel, besonders stark belastete Personengruppen (nach Arbeitsbereichen bzw. Tätigkeiten nach Expositionsdauer und -intensität gemäß den o.g. Merkmalsbereichen) zu identifizieren;

  • diesbezügliche regelmäßige schriftliche Anpassung insbesondere der betriebsspezifischen Betreuungsschwerpunkte entsprechend DGUV V2
  • Anpassung der arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen (aktives Angebot z.B.
  • G46 „Muskel-/Skeletterkrankungen, Nachtdiensttauglichkeit (§ 6 Abs. 3 ArbZG) , G41 Absturzgefährung, G37 Bildschirmtauglichkeit, G25 Fahr-, Steuer, Überwachungstätigkeit, Ebenfalls G20 Lärm, G24 Haut prüfen, inwieweit Angebots- oder Pflichtuntersuchung erforderlich ist, ggf. Einsatz von Lastenhandhabungsmethoden),
  • Angebot von Wunschuntersuchungen (z.B. Darmkrebsvorsorge, Hautkrebsvorsorge, Glaukomvorsorge, Grippeschutzimpfungen, Schichtdiensttauglichkeit),
  • Im kontinuierlich aktualisierten Konzept zur menschengerechten Gestaltung der Arbeit die Demographieanalysedaten, AU-Daten, einfließen lassen, altersgerechte Maßnahmen gesondert clustern und ebenfalls mit Zielausrichtung/Kennzahlen versehen,
  • Kurze Beschaffungswege für höhenverstellbare Tische, separate Arbeitsplatzlampen, weitere (individuelle) ergonomische Arbeitsmittel (Maus, Tastatur, Hebe- und Tragehilfen…), barrierefreie Betriebseingänge/Sozialräume einrichten,
  • Professionelle und angemessene Wiedereingliederung (Diversity Management) insbesondere hohes Einfühlungsvermögen nach psychomentalen Erkrankungen,
  • Ggf. regelmäßigen Gesundheitstag etablieren (in Zusammenarbeit mit Krankenkassen, Physiotherapeuten, Ernährungsberatern, Sportanbietern: Themen u.a. Osteoporoseprophylaxe, Venen-Check, gesunde Ernährung, Stressreduktionsangebote, Seh- und Hörtest, Blutdruckmessung, Blutzuckertest, Work-Life Balance, psychische Widerstandskraft, soweit möglich, stärken, kostenfreie Wasserversorgung, Obst- und Gemüseangebot für die Pause, betriebliche Ruhezonen, altersgerechtes Bewegungsangebot ggf. mit Anreizen).

Maßnahmen des Arbeitsschutzes

Ausbau des inner- und überbetrieblichen Arbeitsschutzes, mit vorrangiger Beachtung der Problemlagen bei langjährig bzw. älteren Beschäftigten, bei mobilen Berufsgruppen sowie bei Arbeitskräften in prekären Beschäftigungsverhältnissen; z.B.

  • Beauftragte für Ergonomie dauerhaft etablieren (ggf. weitergebildete Sicherheitsbeauftragte)
  • Erst-Helfer auch auf Umgang mit einem Defibrillator schulen lassen
  • Massageangebot

Maßnahmen der Arbeitsorganisation bzw. Organisationsentwicklung

Intensivierung spezifischer Maßnahmen der Arbeitsorganisation bzw. Organisationsentwicklung in Betrieben, die der Stärkung von Gesundheitspotentialen bei älteren Beschäftigten dienen v.a.

  • vollständige Tätigkeiten (‚job enrichment‘, ‚job enlargement‘, Abwechslung der Aufgabenfolge), Flexibilität bei Aufgabenerledigung,
  • nach Möglichkeit alters- und qualifikationsgemischte Teamarbeit, soziale Netzwerke (dabei frühzeitige Berücksichtigung der interkulturellen Diversität),
  • ‚Job-rotation‘ (wechselnde Tätigkeiten, zeitliche Begrenzung belastender Tätigkeiten, die oftmals mit  hoher Anforderungsdichte einhergeht),
  • Querschnittstätigkeiten, (tages- oder wochenweiser Wechsel von umgrenzten, häufig repetitiven, einseitig beanspruchenden Tätigkeiten   Mischarbeitsplätze einrichten,
  • Mitgestaltung der Beschäftigten bei Arbeits- und Urlaubszeiten (u.a. frühzeitige Bekanntgabe von Dienstplänen beispielweise vier Wochen vorher, familienfreundliche Arbeitszeitmodelle, Anspruch auf Tauschgerechtigkeit),
  • Mentorenprogramme, in denen Ältere ihre Leistungsvorteile (Erfahrungswissen, Problemlösungskompetenz; s.o.) in Form von Betreuungs-, Anleitungs- und Kontrollaufgaben nutzbringend einsetzen können,
  • Zudem wichtig: Intensivierung spezifischer Maßnahmen der Laufbahngestaltung bzw. Personalentwicklung in Betrieben, die der Stärkung von Gesundheitspotentialen sowie soziale und organisatorische Kompetenztrainings insbesondere bei älteren Beschäftigten dienen (v.a. verstärkte Qualifizierung, Modelle der Lebensarbeitszeit, Sicherung von Gratifikationen, Schulung von Führungsverhalten, u.a. angemessener Umgang mit psychisch beanspruchten Beschäftigten, Kultur auch der nichtmonetären Wertschätzung und Anerkennung ).
Autor: Stefan Johannsen