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Erfahrungsberichte aus der Praxis | 16.07.2007

Einmal in die Haut eines 70-Jährigen schlüpfen – mit dem Age-Explorer

In wenigen Minuten altert der Mann um vier Jahrzehnte. Aus dem agilen 30-jährigen Pfleger wird ein kurzsichtiger Senior mit langsamen Bewegungen und schlechten Ohren. Möglich wird die Verwandlung mit dem so genannten „Age Explorer", zu deutsch „Alters-Erkunder".  

Wie ein unförmiger Raumanzug sieht der „Age Explorer" aus, den sich der Pfleger übergezogen hat. Sogar ein Helm sitzt auf dem Kopf, was den Eindruck des Astronauten komplettiert. Doch mit der behäbigen Verkleidung sollen keine fernen Planeten erkundet werden, sondern etwas sehr Irdisches: das Alter. Der Age Explorer ermöglicht es jungen, rüstigen Menschen, das Alter am eigenen Körper zu erleben.

 

Der klobige Helm reduziert das Hör- und Sehvermögen. Wer ihn aufsetzt, hat plötzlich ein eingeschränktes Gesichts- und Blickfeld und eine veränderte Farbwahrnehmung. Der Pfleger stutzt: „Ist das dort Blau? Oder doch eher Grün? Warum muss ich so nah an das Preisschild herangehen, um es sehen zu können?"

Der Ganzkörperanzug bremst die Bewegungen des jungen Mannes, lässt ihn spüren, wie es ist, wenn die Kräfte in den Fingern und die Geschicklichkeit der Hände nachlassen. Ellenbogen und Knie verlieren ihre Beweglichkeit. Der Pfleger bekommt die ganz alltägliche Aufgabe, am Automaten eine Fahrkarte zu kaufen. Verdammt schwer, das Geldstück in den Schlitz des Automaten zu stecken! Er müht sich, verliert die Münze, sie rollt zu Boden. Und das Bücken und Aufheben sind doch so beschwerlich ... 

Das Angebot des Alters-Simulators richtet sich an soziale und medizinische Einrichtungen und ihre Mitarbeiter, aber auch an die Industrie, an Hersteller von Haushalts- oder Verpackungsprodukten, an Planer im öffentlichen Verkehr, an Autobauer und andere Branchen, die mit Senioren arbeiten oder alte Menschen als Zielgruppen haben. Entstanden ist das Projekt aus der Schulung von Mitarbeitern der Schweizer Handelskette Coop. Inzwischen bietet das Meyer-Hentschel-Institut den Alters-Simulator bundesweit in Workshops und Schulungen an.

„Pflegekräfte, die mit dem Age Explorer in die Haut eines alten Menschen geschlüpft sind, bekommen plötzlich Erklärungen für Verhaltensweisen ihrer Bewohner, die sie zuvor nie verstanden oder ganz falsch interpretiert haben", erklärt Gundolf Meyer-Hentschel, Geschäftsführer des Instituts. „Das hilft, die Toleranzschwelle nach oben zu schieben." Das bessere Verständnis könne sowohl dazu dienen, die Qualität der Pflege zu verbessern, als auch die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter zu erhöhen. Und auch Angehörige älterer Menschen können von der Selbsterfahrung im Age-Explorer-Anzug profitieren.

Der junge Pfleger im alten Körper hat übrigens noch eine weitere Erkenntnis gewonnen. Nach etwa einer Viertelstunde „Alt-Sein" stellten sich gravierende psychische Effekte ein. Er verlor die Lust, am Gespräch um ihn herum teilzunehmen. Es strengte ihn zu sehr an, den für seine Ohren zu schnell und zu leise gesprochenen Sätzen zu folgen. „Das ist das klassische Phänomen, das wir bei alten Menschen erleben", erläutert Meyer-Hentschel. „Viele bekommen von ihrer Umgebung nicht mehr viel mit und ziehen sich in die Isolation zurück."

Das Meyer-Hentschel Institut bietet Schulungen mit dem Age Explorer für alle Bereiche der Altenpflege an, von der Altenpflegeschule über die Weiterbildung des gesamten Heimpersonals bis zur Unterrichtung von Führungskräften. Der Age Explorer ist variabel einstellbar und kann verschiedene Altersstufen und Krankheitsbilder erfahrbar machen, so auch beispielsweise halbseitige Lähmungen oder andere. Weitere Informationen finden Sie unter www.age-explorer.de.


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